"Fußball? Schwul? - Kein Problem!"

Das meinte jedenfalls Angela Merkel vergangene Woche und versuchte damit die Offenheit und Toleranz der deutschen Gesellschaft unter Beweis zu stellen. Sie tat dies als Reaktion auf ein zuvor veröffentlichtes, anonymisiertes Interview mit einem schwulen deutschen Fußballprofi. Das Medeinecho ist enorm. Ein kleiner FairPlay-Wegweiser durch die Debatte.

Das Interview

In der schlüpfrig anmutenden Rubrik "Sex" ist am 11. September ein Interview im Jugendmagazin "Fluter" erschienen, das wohl mehr Reaktionen auslöste als zu erwarten gewesen wäre. Denn eigentlich kommen in dem Beitrag keine neuen Informationen zu Tage. In einem anonymisierten Interview erzählt ein homosexueller Fußballer über die Schwierigkeiten, sich zu outen, die er in erster Linie bei den Fans festmacht, er spricht über sein verstecktes Leben als homosexueller Profifußballer, der gelegentlich auch mal die "beste Freundin" fragt, um eine Begleitung bei einer Dinnerparty zu haben. Mit welchen Problemem er konfontiert ist und wie seine Teamkollegen auf ihn reagieren, ist ebenso Thema. Das Interview ist in guter, aufklärerisches Absicht geschrieben; es geht darum, Jugendliche für das Thema Homosexualität und Homophobie zu sensibilisieren, und dennoch strotzt es vor Allgemeinplätzen und Klischees ("Natürlich sind einige Situationen wie das Duschen am Anfang für beide Seiten unangenehm.").

Angela macht mir...äh...Mut!

Jedenfalls aber hat das Interview seine Arbeit getan und eine Debatte ausgelöst - anfangs in erster Linie auf politischer Ebene. Die deutsche Bundeskanzlerin äußerte gewisser Maßen ihr Unverständnis - nicht für die Homosexualität des Spielers aber für seine Anonymität. Angela Merkel: "Er (der Fußballspieler, Anm. FP) lebt in einem Land, in dem er sich vor einem Outing nicht fürchten muss. Wir können nur das Signal geben, dass er keine Angst haben muss." In welcher Realität Merkel auch immer lebt, aber in der restlichen Welt ist Homophobie an der Tagesordnung – und auch wenn sich die Gewalt gegen Homo-, Bi- und Transsexuelle Menschen von der Gefährdung des eigenen Lebens bis zum verächtlich be(tr)achtet werden, in einer großen Bandbreite bewegt, ist es nach wie vor so, dass ein Outing auch in Deutschland definitiv einen Unterschied macht – und die daraus resultierenden negativen Konsequenzen hat nicht Merkel, sondern haben Lesben, Schwule, Transpersonen, Bisexuelle und andere Queere Menschen zu tragen.

Wo sind die Expert_innen?

Diese Tatsache würde jeder LGBTIQ-Verband (Akronym für: Lesbian/Gay/Bisexual/Transgender/Intersex/Queer), nur bestätigen. Aber: eben jene Menschen, die am ehesten ein Bild zur Lage der Homophobie skizzieren könnten, nämlich LGBTIQ-Aktivist_innen, werden in der Debatte nicht gefragt. Melden sie sich dennoch zu Wort, sind ihre Meldungen sehr kritisch (siehe z.B. Stellungnahme der Queer Football Fanclubs unter: <link http://www.queerfootballfanclubs.org/ - external-link-new-window>

www.queerfootballfanclubs.org

</link>/). Nebenbei: dass Homophobie ein real existierendes Phänomen ist, sollte Angela Merkel doch am besten wissen, sitzt sie doch nicht selten neben Josef Blatter auf der VIP-Tribüne (<link http://www.20min.ch/sport/fussball/story/Blatter--Schwule-sollen-auf-Sex-verzichten-12369539 - external-link-new-window>

www.20min.ch/sport/fussball/story/Blatter--Schwule-sollen-auf-Sex-verzichten-12369539

</link>).

Ausgrenzung - Schuld der Ausgegrenzten??

Letztes Wochenende lief in der Deutschen Bundesliga die Aktion "Geh Deinen Weg" über die Bühne - alle Bundesligaklubs liefen mit besagtem Slogan auf ihren Trikots auf. Dieses "Statement zu Integration" steht stellvertretend für den allgemeinen Tenor, dass Integration eine Sache der einzelnen Person ist - nämlich absurder Weise jener Person, die selbst von Ausgrenzung betroffen ist. Slogans wie "GEH Deinen WEG!", "Oute Dich doch!" legen nahe, dass jene Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind zum Handeln aufgefordert sind. Nicht aber eine Gesellschaft, die diese Personen diskriminiert.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die politischen Bedingungen, die ein Outing im Männerfußball bis heute so schwierig machen geraten so aus dem Blick. Plus ist es im Endeffekt einfach nicht vorherzusagen, was passieren würde, wenn sich beispielsweise Schweinsteiger (Nein, liebe Leute, wir haben KEINE Infos diesbezüglich!) outen würde.

Gesellschaft beschreiben

Seit Dienstag ist die Debatte um Homosexualität und Fußball (die leider wieder einmal nur verkürzt und sensationsgierig der Frage nachjagt "Wann outet sich endlich wer, und wenn ja: wer könnte das sein??") nun endlich auch in Österreich angekommen. Im Online-Standard ist ein lesenswertes Interview von Philipp Bauer mit Ronny Blaschke zum Thema erschienen. Blaschke teilt die Einschätzung, dass die aktuell geführte Debatte so nicht weiter hilft: "Wir sollten eher die Gesellschaft beschreiben, die ein solches Coming-out unmöglich macht. Aber vor allem sollten wir Aktivisten (und Aktivistinnen, Anm. FP) ein Forum bieten und schwul-lesbisches Leben nicht nur auf die bunten Kostüme von Christopher-Street-Day-Paraden reduzieren."


Italien nach Cassano

Eine Partnerorganisationen in Italien, die Unione Italiana Sport per Tutti (UISP) berichtete FairPlay von einer enormen Medienresonanz auf Angela Merkels Aussagen in Italien - seit dem homophoben Sager des Nationalteam-Stürmers Antonio Cassano bei der EURO '12 sind die Medien für das Thema sensibilisiert - von der Gazetta dello SPort, über La Republicca bis zum Corriere della Serra berichteten alle. Ausführlichst. Die Suche nach der "wahren Identität" des "Anonymous" blieb aber bis dato erfolglos.

https://www.fairplay.or.at/footer/archiv/fussball-schwul-kein-problem#top