Wessen Spiel? Indigene Gemeinschaften und die FIFA WM

Die Fußball Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA gehört zu den größten Sportereignissen der kommenden Jahre - ein Gastartikel von René Kuppe.

Doch neben sportlichen Höhepunkten und wirtschaftlicher Bedeutung eröffnet das Turnier auch eine weniger beachtete Perspektive: den Zusammenhang mit Indigenen Völkern 1 in Nordamerika. Alle drei Austragungsländer liegen auf Gebieten, die ursprünglich von einer Vielzahl indigener Nationen bewohnt wurden. Dazu zählen unter anderem die Lenape im Gebiet des heutigen New York, die Tongva und Ohlone in Kalifornien, zahlreiche First Nations in Kanada sowie verschiedene indigene Gemeinschaften in Mexiko. Die heutigen Metropolen und Stadien stehen somit in Regionen, deren Geschichte lange vor der europäischen Kolonisierung beginnt. Diese historische Dimension ist bekannt, kann aber bei  globalen Ereignissen wie einer Weltmeisterschaft oft stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. In den Vereinigten Staaten betrifft dieser Zusammenhang vor allem Fragen der historischen Erinnerung und kulturellen Sichtbarkeit. Viele der WM-Städte – etwa Los Angeles, New York/New Jersey, Seattle oder San Francisco – liegen auf oder nahe traditionellem indigenem Land. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Gebiete stark urbanisiert, und die ursprünglichen Bevölkerungen verdrängt. Heute existieren weiterhin indigene Communities in und um diese Regionen, doch ihre Präsenz im öffentlichen Raum bleibt oft weniger sichtbar. Großveranstaltungen wie die WM können diesen Umstand fortschreiben – sie können aber auch dazu beitragen, ihn stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Gleichzeitig entstehen aber auch Chancen für mehr Aufmerksamkeit und kulturelle Anerkennung. In einigen Städten gibt es Initiativen, die indigene Geschichte stärker in die öffentliche Wahrnehmung bringen wollen, etwa durch Bildungsprojekte, kulturelle Veranstaltungen oder symbolische Anerkennungen des Landes. Die WM kann in diesem Sinn auch als Anlass dienen, über historische Verantwortung und gegenwärtige soziale Realitäten zu sprechen. 

In Mexiko stehen eher aktuelle soziale und ökologische Fragen im Vordergrund. Rund um Mexiko-Stadt, wo eines der zentralen Stadien liegt, gibt es Diskussionen über Wasserknappheit, Urbanisierung und die Auswirkungen großer Infrastrukturprojekte auf lokale Gemeinden. Einige dieser Gemeinden haben indigene Wurzeln oder definieren sich kulturell als solche. Hier geht es weniger um abstrakte Erinnerung als um konkrete Lebensrealitäten, Mitsprache und die Frage, wie Großprojekte in bestehende soziale Strukturen eingreifen. 

Kanada nimmt im Vergleich dazu eine etwas andere Rolle ein. In den letzten Jahren wurden verstärkt politische Initiativen unter dem Begriff „Reconciliation“ vorangetrieben. Dazu gehören die Aufarbeitung der Geschichte der Residential Schools ebenso wie Bemühungen, indigene Perspektiven stärker in öffentliche und kulturelle Prozesse einzubinden. Im Kontext der WM 2026 zeigt sich dies auch in Versuchen, indigene Künstler*innen, Organisationen und Vertreter*innen sichtbarer einzubeziehen.
Ein besonders anschauliches Beispiel bietet die Stadt Vancouver. Sie liegt auf den „shared ancestral and unceded territories“ der Musqueam, Squamish und Tsleil-Waututh Nationen. 

Im Umfeld der WM wird diese Tatsache nicht nur erwähnt, sondern aktiv in die Außendarstellung integriert. Die Idee der „ursprünglichen Gastgeber“ wird dabei bewusst aufgegriffen und in eine einladende Erzählung übersetzt. Besucherinnen und Besucher werden dazu angeregt, ihr Reiseerlebnis entsprechend zu gestalten – etwa durch den Besuch indigener Kulturorte wie der Lickaninnish Gallery, des Squamish Lil’wat Cultural Centre oder durch gastronomische Angebote wie das Restaurant Salmon n’ Bannock. Solche Initiativen machen indigene Kultur sichtbar und erlebbar und sind zugleich Teil einer touristischen Strategie, die wirtschaftliche Teilhabe ermöglichen soll. 

Zeitlich fällt die WM in Vancouver mit einem wichtigen Datum zusammen: dem National Indigenous Peoples Day am 21. Juni 2026, der in die Turnierphase fällt. Dieser Tag, der mit der Sommersonnenwende verbunden ist, wird traditionell mit Veranstaltungen, Musik, Tanz und gemeinschaftlichen Aktivitäten begangen. Für Besucher*innen eröffnet sich damit die Möglichkeit, nicht nur ein Sportereignis zu erleben, sondern auch Einblicke in kulturelle Ausdrucksformen der First Nations zu gewinnen. Auch über die Städte hinaus werden Gäste zu Aktivitäten eingeladen, die indigene Wirtschaftskreisläufe unterstützen – etwa Aufenthalte in von indigenen Gemeinschaften betriebenen Resorts, Campgrounds oder geführte Naturerlebnisse. Die Botschaft ist dabei klar formuliert: Wer sich auf diese Angebote einlässt, kann das Land aus einer anderen Perspektive kennen- lernen.

Diese Entwicklungen zeigen zugleich die Vielschichtigkeit solcher Großereignisse. Die Weltmeisterschaft kann bestehende Strukturen sichtbar machen und Diskussionen anstoßen. Sie kann aber ebenso bestehende Narrative verstärken oder in neue Kontexte einbetten.
Insgesamt wird deutlich, dass der Zusammenhang zwischen der Fußball-WM 2026 und Indigenen Völkern nicht auf einen einzelnen Aspekt reduziert werden kann. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel von Geschichte, Gegenwart und Darstellung. Die Stadien stehen auf historisch gewachsenem Raum, die Städte sind durch koloniale und moderne Entwicklungen geprägt, und die heutigen indigenen Gemeinschaften befinden sich in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen.Großveranstaltungen wie diese können dabei wie ein Brennglas wirken: Sie machen bestehende Spannungen und Ungleichheiten sichtbar, eröffnen aber zugleich neue Möglichkeiten der Wahrnehmung und des Dialogs.

MEXIKANISCHE PERSPEKTIVE

Aurelia Velasco spielt als Verteidigerin beim FC Los Andes in Wien. Als Angehörige der Mixtecos aus Tlaxiaco (Bundesstaat Oaxaca) liegen ihr die Themen Frauenrechte sowie die Rechte indigener Gemeinschaften besonders am Herzen. Sie kritisiert insbesondere die Exotisierung und Kommerzialisierung indigener Gruppen in Mexiko, die häufig mit Sportgroßereignissen einhergehen: „Der kulturelle Reichtum indigener Völker kommt immer den Wohl habenden zugute und die betroffene Bevölkerung bleibt in der Armut stecken“.

Dieser Artikel wurde von Jurist und Kulturanthropologe Dr. René Kuppe im Rahmen des Projekts “GameON! Sport für Menschenrechte” verfasst und findet sich im fairplay Infosheet zur FIFA WM 2026 wieder.

Dr. René Kuppe ist Jurist und Kulturanthropologe und im Ruhestand befindlicher ao. Univ.-Prof. der Universität Wien. Er widmet sich schwerpunktmässig den Rechten Indigener Völker. Er war auch in rechtsberatender Tätigkeit zur Sicherung von Landrechten und zur eigenständigen Rechtsprechung Indigener Völker engagiert. Seit 2022 ist René Kuppe Board Member von „International Work Group for Indigenous Affairs“ (IWGIA), Kopenhagen.

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