Was bleibt von der Fußball-WM in Brasilien? NGO-Initiative „Nosso Jogo“ zieht gemischte Bilanz

Mit dem Finale am Sonntag endet die 20. FIFA- Weltmeisterschaft ohne den Gastgeber. Auf welch dünnem Eis die Stimmung Brasiliens während der WM gebettet ist, haben die Ausschreitungen nach dem desaströsen 1:7 gegen Deutschland gezeigt. Umso mehr stellt sich die Frage, was dem Land nach dem Megaevent Positives bleibt. Die von 98 österreichischen NGOs mitgetragene Initiative „Nosso Jogo“ (Unser Spiel) zieht eine ernüchternde Bilanz.

 

Weniger Demonstrationen, mehr Repression

Noch vor einem Jahr gingen Hunderttausende Brasilianer_innen auf die Straße, um gegen die horrenden Ausgaben für dieses Großevent zu demonstrieren, die in sozialen Bereichen, wie Bildung, Gesundheit und öffentlichem Transport fehlen. Laut Schätzungen des Brasilianischen Rechnungshofs (TCU) belaufen sich die WM-Kosten auf 26 Mrd. Real (8,64 Mrd. Euro) und kommen zu 84% aus der öffentlichen Hand. Demgegenüber steht der für die FIFA erwartete Rekordgewinn von 10 Mrd. Real (3,3 Mrd. Euro).


Seit dem Eröffnungsspiel ist es ruhiger geworden rund um die Forderungen aus der brasilianischen Zivilbevölkerung. „Es ist eine Tatsache, dass sich weniger Menschen an den Protesten gegen die Umsetzung der Copa beteiligt haben, aber sie sind während der ganzen WM weitergegangen“, weiß Leila Regina da Silva des Nachhaltigkeitsinstituts Insea, die Anfang Juni auf Einladung der Initiative „Nosso Jogo“ in Wien war, aus Belo Horizonte zu berichten. Die Polizeigewalt sei jedoch nicht zurückgegangen, vielmehr das Gegenteil sei der Fall: „Tausende Polizisten haben Barrikaden errichtet und den Demonstrierenden mit extremer Gewalt den Weg abgeschnitten. Es kam zu einigen willkürlichen Verhaftungen.“

Auch sonst sieht da Silva die Bilanz der Fußball-WM in Brasilien nüchtern, „es handelt sich um ein privates Event der FIFA, das sich wenig mit der Realität des Gastgeberlandes beschäftigt.“ Die Heimspiele seien zum Großteil nur von der brasilianischen Ober- und Mittelschicht besucht worden. Der Brückeneinsturz in Belo Horizonte, bei dem zwei Menschen getötet und 22 verletzt wurden, überschattete letzte Woche die Spiele. Das Unglück zeugt von der Fahrlässigkeit, die den von der WM losgetretenen Bauboom begleitet. Welche politischen Folgen die Umsetzung der Fußball-WM haben, wird sich spätestens bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober zeigen.

 


Nosso Jogo – Brasilien in Österreich

In Österreich hat „Nosso Jogo“, die „Initiative für globales Fair Play“, die sozialen und politischen Ereignisse rund um die umstrittene WM erfolgreich zum Thema gemacht. „Nosso Jogo“ heißt „unser Spiel“ und wagt einen Blick auf Brasilien abseits von Samba, Strand und schwarzer Körperlichkeit. Wie wichtig eine differenzierte Perspektive ist, zeigte sich an der stereotypen Inszenierung des ORF WM-Studios. Halbnackte Sambatänzerinnen sollten brasilianisches Flair auf den Küniglberg bringen, bis Kritik in sozialen Netzwerken und im ORF-Publikumsrat den einseitigen und verzerrten Darstellungen ein Ende setzte.

Seit Ende April fanden österreichweit über 100 Veranstaltungen und Events statt. Die Bandbreite reichte von alternativen Public Viewings in Wiener Außenbezirken über Stadionaktionen mit Profiklubs bis hin zu Diskussionsreihen und Workshops mit brasilianischen Expert_innen. Noch bis 11. Juli läuft die interaktive Ausstellung zum Thema Kinderrechte im ZOOM Kindermuseum im Wiener Museumsquartier.

Den Höhepunkt bildete das Arena Brasil Festival zu Pfingsten, bei dem brasilianische Künstler_innen nicht nur ein ambitioniertes Musik- und Literaturprogramm zum Besten gaben, sondern das Publikum auch zu zahlreichen Workshops einluden. Während der drei Tage strömten über 9.000 Besucher_innen, viele davon aus der brasilianischen und lateinamerikanischen Community auf den Wiener Karlsplatz.

„Wir haben mit der Initiative Nosso Jogo geschafft, Wissen über die Ereignisse in Brasilien, über die sozialen Aspekte des Fußballs und die kulturelle Vielfalt des WM-Gastgeberlandes einem breiten österreichischen Publikum zugänglich zu machen“ so Martin Kainz, Koordinator von „Nosso Jogo“. „Mit einem großen nationalen und internationalen Netzwerk treten wir bewusst für faire Sportgroßereignisse ein und werden auch in Zukunft bei Menschenrechtsverletzungen rund um diese Events nicht wegschauen.“

 


Nach der WM ist vor den Olympischen Spielen

Menschenrechtsverletzungen und andere negative Auswirkungen von Sportgroßereignissen bleiben auch nach dem Schlusspfiff in Rio de Janeiro ein politisch brisantes Thema. Spätestens bei den ebenfalls in Brasilien stattfinden Olympischen Sommerspielen 2016 werden ähnliche Probleme auftauchen.

„Nosso Jogo“ startete daher eine Petition, die sich für bindende Menschenrechtsstandards bei der Vergabe von Sportgroßevents einsetzt und sich an die FIFA, das IOC und die brasilianische Regierung richtet. Sie wurde bereits von knapp 4000 Personen unterzeichnet, darunter auch Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Die Petition kann noch bis Herbst 2014 unter <link http://www.nossojogo.at / - external-link-new-window>www.nossojogo.at </link>unterschrieben werden.

„Nosso Jogo – Initiative für globales Fair Play“ wurde im Dezember 2013 von sechs entwicklungspolitischen NGOs (FairPlay-VIDC, Südwind, Lateinamerika-Institut, Jugend Eine Welt, Frauensolidarität und Globalista) ins Leben gerufen. Neben den Trägerorganisationen beteiligen sich 92 Partnerorganisationen aus den Bereichen Kultur, Entwicklung, Sport und Umwelt an der Initiative. Das Bildungs- und Dialogprojekt wird maßgeblich von der Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (ÖEZA) gefördert.

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