Turnier der begrenzten Möglichkeiten - Gastartikel von Nicole Selmer

Die WM 2026 sei das Turnier, das mehr Träume erfüllt als jemals zuvor. Das verkündet FIFA-Präsident Gianni Infantino. Für viele Fans allerdings sind die Bedingungen insbesondere im Haupt Ausrichterland USA eher alptraumhaft.

Mitte Jänner 2026 feierte die FIFA per Presseaussendung eine halbe Milliarde Ticketbewerbungen. „Tickets wurden von Fans aus allen Ländern und Gebieten der 211 FIFA-Mitgliedsverbände bestellt“, steht darin.

Fans aus den WM-Teilnahmeländern Haiti, dem Iran, Senegal und Côte d‘Ivoire dürften sich allerdings nur für Spiele in Kanada und Mexiko interessieren, denn dort können sie mit einem Visum einreisen. Die USA, wo 78 der 104 WM-Spiele stattfinden, verweigern ihnen und Bürger*innen aus mehreren weiteren Ländern seit Juni 2025 die Einreise. 

Auch frühere Großturniere sind vom sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewicht der Welt und den Reiserestriktionen für Länder des Globalen Südens betroffen gewesen, das Turnier 2026 setzt jedoch neue Maßstäbe. Auch für Reisende aus Österreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern steht eine Verschärfung der US-Einreisebestimmungen im Raum, nämlich eine verpflichtende Offenlegung der Social-Media-Profile, wie sie bereits für andere Gruppen vorgesehen ist. Eine seit Jänner 2025 geltende Regel greift noch tiefer in Persönlichkeitsrechte ein: Nur die Geschlechtseinträge „männlich“ und „weiblich“ sind für Einreiseanträge vorgesehen; Personen, die sich anders identifizieren, wird der Eintrag ihres bei Geburt zugewiesenen Geschlechts empfohlen. Queere Menschen wurden auch bei früheren Turnieren der Männer schon durch rechtliche Bestimmungen in Ausrichterländern diskriminiert. Doch im Unterschied zu Russland und Katar waren die USA bei der Vergabe der WM 2018 noch ein demokratisches Land mit gesicherten Freiheitsrechten. Im Jänner 2026 schrieb „Three Lions Pride“, der Fanklub der queeren England-Fans: „Die Rhetorik und der gefährliche Rückschlag für Menschenrechte in den USA haben bei Fans, die eine Reise zur WM geplant hatten, große Sorge ausgelöst. “Die Gruppe wird beim Turnier nicht sichtbar in Erscheinung treten. In den letzten Monaten sorgten die Übergriffe der paramilitärischen Einheiten der Einwanderungsbehörde ICE für Entsetzen und Proteste im Land. Ins Visier gerieten nicht nur Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus und People of Color, sondern auch US-Staatsbürger*innen und Tourist*innen wie die 65-jährige Britin Karen Newton, die sechs Wochen in einem ICE-Lager verbrachte. „Wenn es mir passiert, kann es jedem passieren. Ich mache mir wirklich Sorgen um junge Leute, die zur WM dorthin reisen“, sagte sie dem Guardian. 

Der ÖFB und die Bundesregierung planen, österreichischen Fans Verhaltensregeln und Anlaufstellen vor Ort zur Verfügung zu stellen. Die genaue Ausgestaltung ist derzeit noch unklar. FSE Brief an FIFA — Offener Brief an die FIFA zu Menschen rechten im Fußball Verglichen mit Übergriffen durch ICE-Paramilitärs erscheinen hohe Ticketpreise als vergleichsweise prosaisches Thema, doch auch in diesem Bereich setzt die WM 2026 Negativrekorde: Karten sind so teuer und die Preispolitik so intransparent wie bei keinem bisherigen Turnier. Auf die Kritik unter anderem durch die europäische Fanorganisation „Football Sup porters Europe“, kurz FSE, reagierte die FIFA mit der Bereitstellung eines kleinen Kontingents von Tickets um 60 US-Dollar. „Augenwischerei“, nannte das FSE Sprecher Martin Endemann. Der größte Skandal sei das sogenannte Barrierefrei-Ticket für Personen im Rollstuhl. Es ist nicht in der günstigsten Kategorie zu haben und die Begleitperson muss, anders als noch 2022, ein zusätzliches Ticket kaufen – was Barrieren erhöhe und nicht senke. Die Wiederverkaufsplattform der FIFA arbeitet zudem nicht wie früher mit dem Originalpreis, sondern der Preis ist frei wählbar. Endemann sagte dazu im „Sport Inside“-Podcast: „Damit schafft die FIFA einen eigenen legalisierten Schwarzmarkt.“

 Mittlerweile hat FSE zusammen mit der Verbraucherschutzorganisation Euroconsumers bei der Europäischen Kommission eine Beschwerde gegen die Preisgestaltung eingelegt. Das Ticketmonopol nützt dem Weltverband und seinen Mitgliedsverbänden, an die die WM-Gewinne ausgeschüttet werden – und die auch deswegen kaum Kritik üben. Die Anzahl der Spiele ist im Vergleich zu 2022 nur um 70 Prozent gestiegen, die FIFA rechnet jedoch mit einer Verdreifachung der Einnahmen aus Kartenverkäufen und VIP-Paketen. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat das Turnier 2026 mehrfach als „most inclusive World Cup in history“ bezeichnet, als inklusivste WM aller Zeiten. Es würden mehr Träume erfüllt als jemals zuvor. Das gilt jedoch vor allem für die FIFA.

Dieser Artikel wurde von ballesterer Chefredakteurin Nicole Selmer im Rahmen des Projekts “GameON! Sport für Menschenrechte” verfasst und findet sich im fairplay Infosheet zur FIFA WM 2026 wieder. 

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