Bei der zweiten WM-Qualifikation nach 2014 werden neue Gesichter das bosnische Nationalteam prägen. Sie kommen aus der Diaspora, während des Bosnienkriegs mussten knapp zwei Millionen Menschen flüchten. Der 40-jährige Edin Džeko, der in seiner Heimat den Beinamen „Alles erhellender Diamant“ trägt, verbrachte seine Kindheit im belagerten Sarajevo und bildet damit im aktuellen Kader eine der wenigen Verbindungslinien zur Kriegsgeneration. Denn ein Großteil der jetzigen Mannschaft ist außerhalb des Landes geboren und aufgewachsen.
Durch die Kriegserfahrung seiner Familie ist Džeko zu einer Symbolfigur der Nationalmannschaft und einem Projektionsraum kollektiver Erinnerung geworden, in dem sich sportlicher Erfolg und nationale Selbstvergewisserung überlagern. Beim Nationalteam handelt es sich trotz der multiethnischen Zusammensetzung um eine hauptsächlich bosniakisch geprägte Mannschaft. Das spiegelt die politischen Realitäten des Landes wider, in denen der Fußball nicht vollständig von ethnischen Zuschreibungen entkoppelt werden kann.
Geschliffen in Österreich
Mehrere der bosnischen Talente haben einen Österreichbezug, zum Beispiel der aktuelle Salzburg-Spieler Kerim Alajbegović, der in Österreich geborene und fußballerisch ausgebildete Amar Dedić und der in Slowenien geborene Tarik Muharemović, der seine Fußballjugend in Kärnten verbrachte, bevor er vom Wolfsberger AC in die U19 von Juventus wechselte. Die drei Spieler bilden die neue sportliche Achse des Nationalteams und sind Ausdruck einer transnationalen Fußballsozialisation, die österreichische Infrastruktur und Know-how mit bosnischer Identitätsbindung vereint.
Der 2005 in den USA geborene PSV-Eindhoven-Spieler Edin Bajraktarević verkörpert hingegen ähnlich wie Džeko die Traumata der bosnischen Gesellschaft. Als Kind von Überlebenden des Völkermords in Srebrenica, die in die USA ausgewandert sind, trägt er eine Form von erinnerter Geschichte in sich. Er hat sie nicht selbst erfahren, aber familiär weitergegeben bekommen. Dadurch eröffnet sich eine neue Dimension des Gedenkens: Die Unterstützung der bosnischen-herzegowinischen Mannschaft in der US-amerikanischen Diasporacommunity ist groß, weil sich in Spielern wie Bajraktarević die Hoffnung artikuliert, dass selbst über Generationen und Kontinente hinweg eine Verbindung zum Herkunftsland bestehen bleibt.
Den einen strahlenden bosnischen Diamanten wird es nach dieser WM im Nationalteam nicht mehr geben, es wird Džekos letztes Turnier. Die Truppe von Teamchef Sergej Barbarez kann aber in eine vielversprechende Zukunft blicken, die in den kommenden Jahren durch den diasporischen Schliff neue bosnische Diamanten hervorbringen wird. Sie könnten eine Mannschaft formen, die weniger durch eine gemeinsame traumatische Vergangenheit als durch bewusst gewählte Zugehörigkeit definiert ist.
Dieser Artikel von Dario Brentin ist in der ballesterer Spezialausgabe #206 erschienen.
