Kein Platz für Antisemitismus!

Nach dem Übergriff in Bischofshofen fordern FARE-Organisationen langfristige, präventive Maßnahmen im Fußball. Union Vienna Türkgücü regt gemeinsame Aktion mit jüdischer Gemeinde in der FARE Aktionswoche im Oktober an.

Aktionen des New Israel Fund mit jüdischen und arabischen Jugendlichen

Der Platzsturm beim Testspiel Maccabi Haifa gegen OSC Lille in Bischofshofen (Pongau) ist ein Beleg dafür, wie die Proteste gegen den Gaza-Krieg immer öfter in offenen Judenhass abgleiten. Der anti-israelisch motivierte Übergriff hat wie kaum ein anderer Fall von Rassismus im Fußball für öffentliche Entrüstung in Österreich gesorgt. Alle namhaften politischen AkteurInnen, von Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Werner Faymann abwärts, haben den antisemitischen Übergriff verurteilt. Auch Repräsentanten der muslimischen und türkischen Community in Österreich verurteilten den Akt der Gewalt unisono.

 

Das Bild des kickboxenden Jugendlichen, der gerade einen Maccabi Haifa-Spieler attackiert, landete auf der Titelseite der wichtigsten österreichischen Tageszeitungen. Auch die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ brachte das Foto am 25. Juli auf der Titelseite als Beleg für den steigenden Antisemitismus im Zuge der jüngsten Nahost-Demonstrationen.

 

Die Initiative FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel am VIDC fordert, nach dem medialen Aufschrei nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen, sondern verstärkt längerfristige präventive Maßnahmen gegen Antisemitismus und Diskriminierung im Fußball zu lancieren.
Kurt Wachter, Koordinator der FairPlay-Initiative betont: „Es ist sehr positiv, dass der diskriminierende Übergriff auf so breiter gesellschaftlicher Ebene verurteilt wird. Wichtig ist jetzt aber, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Antisemitismus ist im österreichischen Fußball ein immer wiederkehrender Begleiter und keinesfalls nur ein Problem pro-palästinensisch orientierter MigrantInnen. Wir brauchen dazu langfristige präventive Bildungsprogramme, an der sich alle Betroffenen beteiligen, dazu gehört auch die Unterstützung der Integrationsarbeit der migrantischen Vereine.“  


 

Platzsturm eskalierte

 

Zur Erinnerung: Am 23. Juli präsentierte eine Gruppe Jugendlicher während des Spiels in Bischofshofen eine Fahne mit der Aufschrift „Fuck Israel“ sowie einem durchgestrichenen Davidstern und zeigte außerdem eine türkische Flagge. Dann stürmten in der 85. Minute vier der Jugendlichen mit einer palästinensischen Fahne und einem „Free Palestine“-Plakat in Richtung Mittelkreis. In der Folge eskalierte die Protestaktion: Einzelne Haifa-Spieler verteidigten sich und lieferten sich mit den Platzstürmern eine wilde Prügelei. Etwa zehn Jugendliche beteiligten sich an der Gewaltaktion, ehe die Ordner und die Polizei die Situation unter Kontrolle brachten und der Schiedsrichter das Spiel abbrach. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt.

 

Maccabi Haifa FC ist einer der ersten israelischen Profivereine, die lokale muslimische und arabische Spieler in das Team integrierte. Aktuell umfasst der Kader von Maccabi Haifa sechs Muslime.
Itzik Shanan
, vom israelischen FARE-Mitglied „New Israel Fund“ meint dazu: "Was den Angriff auf Maccabi Haifa wirklich bizarr und verrückt macht, ist die Tatsache, dass damit auch arabische Spieler angegriffen wurden."

 

FARE Mitglieder rufen zu Gegenmaßnahmen auf

 

Auch die Mitgliedsorganisationen des in Wien gegründeten europäischen Netzwerks „Football Against Racism in Europe“ (FARE) rufen zu gezielten präventiven Maßnahmen auf.

 

Der Präsident des Wiener Fußballvereins Union Vienna Türkgücü SKV, Mustafa Iscel, meinte gegenüber FairPlay: „Ich zeige die Rote Karte gegen Rassismus! Ich verurteile die Attacken auf die Spieler. Der Platzsturm ist klar politisch motiviert und auch antisemitisch, da wird alles in einen Topf geschmissen. Man muss hier gezielt entgegenwirken.“

 

Iscel, der im September in Rom an der an der UEFA Respect Diversity Konferenz teilnehmen wird, sagte: „Im Sport hat Rassismus nichts verloren. Wir müssen Respekt gegenüber anders denkenden Menschen zeigen, egal welcher Hautfarbe, Herkunft und Religion sie haben. Der Fairplay-Gedanke muss schon im Kindesalter in der Erziehung fest verankert sein, damit solche intoleranten Zwischenfälle nicht passieren!“

 

Der Amateurverein Vienna Türkgücü plant in der FARE Aktionswoche (9. bis 23. Oktober 2014) gemeinsam, mit FairPlay ein interkonfessionelles Fußballspiel zu organisieren. Dabei sollen Imame, Priester und Vertreter der jüdischen Gemeinde im Zeichen von Fair Play und Respekt gemeinsam spielen. Iscel will dazu den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Oscar Deutsch, kontaktieren. Deutsch ist auch Vorsitzender des Sportclub Maccabi Wien, der im Wiener Verband in der 1. Klasse B spielt.

 

Itzik Shanan, vom israelischen „New Israel Fund“ meint, dass jetzt der richtige Moment sei, Rassismus zu bekämpfen. Im Zuge der Kampagne „Kick Racism out of Football“ arbeitet Shanan mit dem israelischen Fußballverband und auch Maccabi Haifa zusammen.
"Wir versuchen Politik und Fußball nicht zu mischen. Aber leider ist die politische Frage in Israel eine wichtige treibende Kraft des Fußballs. Die Saison beginnt hier in wenigen Tagen, und wenn der Konflikt von beiden Seiten fortgesetzt wird, wird es schrecklich sein.“

 

Für den Menschrechtsaktivisten ist der Fußball in Israel ein Zufluchtsort, bei dem die Koexistenz zwischen jüdischen und arabischen Menschen funktioniert. 20% der Bevölkerung in Israel sind arabischen Ursprungs, im Fußball sind arabische Israelis sogar überrepräsentiert.
"Wir sind in einem schrecklichen Krieg, aber wir arbeiten täglich für den Tag danach, wenn beide Seiten, Juden und Araber, wieder zusammen leben und zusammen spielen", sagte Itzik Shanan gegenüber FairPlay.

 

Israelische Teams in Salzburg schon früher beleidigt

 

In Salzburg waren israelische Teams schon früher Zielscheibe antisemitischer Schmähungen. Beim UEFA Champions League Play-off von Red Bull Salzburg gegen Maccabi Haifa im August 2009 intonierten Salzburg-Fans den Sprechchor “Wer nicht hüpft, der ist ein Jude, Hey, Hey”. Im Jahr darauf im August 2010 waren beim Champions League Qualifikationsspiel von Salzburg gegen Hapoel Tel Aviv antisemitischen Schmährufe von den Rängen zu hören. Laut einem Bericht der französischen FARE Partnerorganisation LICRA wären Hapoel-Präsident Mony Harel und sein Bruder Moshé im VIP-Bereich der Red Bull Arena als „Judenschweine“ beschimpft worden. Nach einem Handgemenge habe ein Salzburg-Anhänger den Brüdern ein Feuerzeug mit der Aufforderung „burn yourselves“ zugeworfen.

 

Fehlende Solidarisierung

 

Kurt Wachter von FairPlay-VIDC ortet auch Versäumnisse im Vorfeld der Ausschreitungen auf der Sportanlage in Bischofshofen: “Für mich ist es unverständlich, warum bei einem internationalen Match in Österreich eine antisemitische Fahne überhaupt hängen kann. Die Ordner waren offensichtlich überfordert, und auch der Schiedsrichter hat das Spiel einfach weiter laufen lassen.“

 

Die Jugendlichen haben sich den Fußballplatz offensichtlich nicht zufällig als Ort ihres Protests ausgesucht. Die Tageszeitung „Der Standard“ berichtet am 26. Juli, dass einer der Hauptverdächtigen ein ehemaliger Spieler des SK Bischofshofen wäre.

 

Judenhass beim Fußballspiel in Dortmund

 

Einen Tag vor dem Platzsturm in Bischofshofen störte eine Gruppe Dortmunder Neonazis das Freundschaftsspiel zwischen der U19 Mannschaft des israelischen Zweitligisten Maccabi Netanya und einer Auswahl des Stadtteils Lütgendortmund. Laut einem Bericht des Nachrichtenportals DerWesten.de schwangen 14 Rechtsextreme Palästina- und Reichkriegsfahnen und skandierten „Juden raus aus Palästina“ und „Nie wieder Israel“. Die Gruppe wurde daraufhin umgehend vom Sicherheitsdienst und von der Polizei des Platzes verwiesen.

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