Inklusiver Sport für junge saharauische Geflüchtete - Zwischenbilanz
In den sahrauischen Lagern für Geflüchtete in der Nähe von Tindouf, Algerien, ist Sport mehr als nur Freizeitbeschäftigung – er ist ein Instrument für psychosoziales Wohlbefinden, Bildung und sozialen Zusammenhalt. Das Projekt „Inklusiver Sport für junge saharauische Geflüchtete”, das vom Sport Inclusion Network (SPIN) in Zusammenarbeit mit der Unione Italiana Sport Per tutti (UISP) koordiniert wird, zielt darauf ab, inklusive Sportstrukturen für Kinder und Jugendliche zu stärken, die in einem der weltweit am längsten bestehenden Flüchtlingskontexte leben. Das Projekt wird vom österreichischen Sportministerium und UISP finanziert.
Die 18-monatige Initiative (Dezember 2024–Mai 2026) wird in enger Zusammenarbeit mit dem saharauischen Bildungsministerium durchgeführt und zielt darauf ab, junge Geflüchtete – insbesondere Mädchen und Jugendliche mit Behinderungen – durch inklusive Sportaktivitäten zu stärken.
Hintergrund: Eine langwierige Krise und die Rolle des Sports
Seit 1975 leben saharauische Geflüchtete in fünf Lagern im Südwesten Algeriens - Laayoune, Smara, Boujdour, Ausserd und Dakhla. Schätzungen zufolge leben bis zu 170.000 Menschen in den Lagern, während das UNHCR rund 88.000 der am stärksten gefährdeten Geflüchteten direkt unterstützt.
Die Lager befinden sich in einer rauen Wüstenumgebung, die durch extreme Temperaturen, begrenzte Infrastruktur, wirtschaftlichen Mangel und wiederkehrende Umweltprobleme wie Sandstürme und Überschwemmungen gekennzeichnet ist.
Junge Menschen stehen vor besonders großen Herausforderungen: Obwohl es in den Lagern Schulen gibt, beeinträchtigen begrenzte Ressourcen, unzureichende Freizeitmöglichkeiten und ein Mangel an ausgebildetem Sportpersonal sowohl die Bildungsqualität als auch die Entwicklung der Jugendlichen. Eine partizipative Bewertung aus dem Jahr 2021 hat deutlich gemacht, dass insbesondere für Mädchen und junge Frauen dringend mehr Spiel- und Sportmöglichkeiten geschaffen werden müssen.
Das saharauische Ministerium für Jugend und Sport organisiert jährliche Sportveranstaltungen – darunter Fußball- und Volleyballturniere sowie einen internationalen Marathon –, doch die Ressourcen sind nach wie vor äußerst begrenzt. Für alle sportlichen Aktivitäten in den fünf Lagern stehen jährlich nur rund 70.000 US-Dollar zur Verfügung. Es fehlt v.a. an geeigneter Infrastruktur, Ausrüstung und qualifizierten Trainer*innen.
Vor diesem Hintergrund wurde SPIN im Jahr 2022 gebeten, sein internationales Fachwissen im Bereich Sport für Entwicklung und soziale Inklusion einzubringen.
Über die Partnerschaft
Das Sport Inclusion Network (SPIN) entstand aus einer europäischen Zusammenarbeit von Sport- und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für die Bekämpfung von Diskriminierung und die Förderung des gleichberechtigten Zugangs zum Sport einsetzen. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Organisationen wie die in Wien ansässige fairplay Initiative, der irische Fußballverband FAI und die Breitensportorganisationen Liikkukaa in Finnland oder eben UISP in Italien.
In den letzten zehn Jahren haben die SPIN-Partner zahlreiche EU-finanzierte Projekte zur Integration von Geflüchteten, zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Bekämpfung von Diskriminierung im Sport in ganz Europa und in Teilen Afrikas durchgeführt.
Insbesondere UISP verfügt über Erfahrungen in der Arbeit mit saharauischen Geflüchteten und bringt wertvolles Kontextwissen und etablierte Beziehungen vor Ort mit.
Das Projekt steht im Einklang insbesondere mit den folgenden Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs), darunter
- SDG 3 (Gesundheit und Wohlergehen)
- SDG 4 (Hochwertige Bildung)
- SDG 5 (Geschlechtergleichstellung)
- SDG 10 (Weniger Ungleichheiten)
- SDG 16 (Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen)
Ziele: Inklusion, Empowerment und Kapazitätsaufbau
Das Projekt verfolgt drei übergeordnete Ziele:
- Verbesserung der Gesundheit und des psychosozialen Wohlbefindens marginalisierter Kinder und Jugendlicher durch strukturierte Sportaktivitäten.
- Förderung einer inklusiven und hochwertigen Bildung durch den Einsatz von Sport zur Verbesserung der Schulbeteiligung und zur Senkung der Abbruchquoten.
- Förderung der Gleichstellung der Geschlechter durch Stärkung der Selbstbestimmung und Teilhabe von saharauischen Frauen und Mädchen.
Konkret konzentriert sich das Projekt auf:
- Nutzung von Sport als Mittel zur sozialen Inklusion und Stärkung
- Entwicklung psychosozialer Lebenskompetenzen wie Selbstvertrauen, Teamarbeit, Führungsqualitäten und Empathie
- Ausbildung von Trainer*innen, Lehrer*innen und Coaches, um ein sicheres, diskriminierungsfreies und geschlechtersensibles Sportumfeld zu schaffen
- Aufbau von Partnerschaften zur Gewährleistung langfristiger Nachhaltigkeit
Zielgruppen und Reichweite
Das Projekt verfolgt einen gemeindebasierten Ansatz und richtet sich an:
- 15.000 Schulkinder durch verstärkte Schulsportprogramme.
- 1.000 jugendliche Sportler*innen, darunter etwa 500 Mädchen und junge Frauen.
- 50 junge Menschen mit Behinderungen durch inklusive Sportaktivitäten.
- Bis zu 44.000 Geflüchtete durch öffentliche Veranstaltungen und Sensibilisierungsmaßnahmen.
Ein wesentliches Merkmal ist das Multiplikator*innen-Modell:
- 25 Multiplikator-Trainer*innen erhielten eine intensive Schulung durch internationale Expert*innen (Mai 2025).
- Diese Multiplikator*innen bildeten anschließend über 70 lokale Trainer*innen, Schiedsrichter*innen, Lehrer und Vereinsmanager*innen in den fünf Lagern aus (Februar 2026).
Dieser Ansatz stärkt die lokale Eigenverantwortung und stellt sicher, dass Wissen und Fähigkeiten über die Projektlaufzeit hinaus in der Gemeinde verankert bleiben.
Wichtige Aktivitäten
Das Projekt baut auf bestehenden Sportstrukturen auf und führt gleichzeitig neue inklusive und pädagogische Komponenten ein. Zu den Kernaktivitäten gehören:
- Ausbildung von Multiplikator-Trainer*innen
Internationale Expert*innen aus dem SPIN-Netzwerk führten im Mai 2025 einen mehrtägigen Workshop durch, der sich auf inklusive Trainingsmethoden, Geschlechtergleichstellung und den Transfer von Lebenskompetenzen konzentriert. Pilotaktivitäten wurden direkt im Umfeld dieses Trainings umgesetzt.
- Kapazitätsaufbau für lokale Trainer*innen und Pädagog*innen
Neu ausgebildete Multiplikator-Trainer*innen organisierten im Februar 2026 fünftägige Schulungen in jeder der fünf Provinzen (Wilayas) und statteten lokale Sportakteur*innnen mit den notwendigen Instrumenten aus, um Inklusion zu fördern und Sporterfahrungen in die Entwicklung von Lebenskompetenzen zu übertragen.
- Bereitstellung von Ausrüstung und Unterstützung für inklusive Veranstaltungen
In den verbleibenden Monaten des Projekts wird eine Grundausstattung für Fußball, Volleyball und andere Bewegungsaktivitäten bereitgestellt, darunter auch Materialien für Schiedsrichter*innen. Das Projekt unterstützt auch die Organisation jährlicher Turniere, um eine starke Beteiligung von Mädchen und Jugendlichen mit Behinderungen sicherzustellen.
- Kommunikation und Sensibilisierung
Größere Veranstaltungen im Sportbereich zum Projektabschluss im Mai 2026 dienen als Plattformen zur Förderung von Inklusion, Gleichstellung der Geschlechter und positivem sozialen Wandel. Die Initiative bezieht auch österreichische und europäische Interessengruppen ein und fördert so die internationale Solidarität und das Bewusstsein für die Situation der saharauischen Geflüchteten.
Ergebnisse und erwartete Auswirkungen
Die Umsetzung läuft bis Mai 2026, doch das Projekt hat bereits wichtige Meilensteine erreicht:
- Aufbau einer starken Partnerschaft zwischen SPIN, UISP und den saharauischen Behörden, an der mehrere Akteur*innen beteiligt sind.
- Entwicklung eines strukturierten, auf den lokalen Kontext zugeschnittenen Trainingskonzepts.
- Mobilisierung von internationalem Fachwissen im Bereich inklusiver Sportmethoden.
Zu den erwarteten langfristigen Auswirkungen gehören:
- Verbessertes psychosoziales Wohlbefinden und gestärkte Resilienz junger Flüchtlinge.
- Verstärkte Beteiligung von Mädchen und Frauen am Sport, wodurch restriktive Geschlechternormen in Frage gestellt werden.
- Stärkere lokale Trainer*innen-kapazitäten und nachhaltige Sportstrukturen.
- Verbesserter sozialer Zusammenhalt innerhalb und zwischen den Lagern.
Durch die Einbettung inklusiven Sports in das Bildungs- und Gemeinschaftsleben trägt das Projekt zu einem schützenden Umfeld für Jugendliche bei und steht im Einklang mit dem Schwerpunkt des Globalen Pakts für Flüchtlinge auf Selbstständigkeit und Stärkung der Gemeinschaft.
Ausblick
„Inklusiver Sport für junge sahrauische Geflüchtete” zeigt, wie Sport in langwierigen Krisensituationen als kostengünstiges und wirkungsvolles Entwicklungsinstrument fungieren kann. Durch die Kombination von internationalem Fachwissen und starker lokaler Eigenverantwortung fördert die Initiative nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft.
In einem Kontext, der von jahrzehntelanger Vertreibung und Unsicherheit geprägt ist, bietet inklusiver Sport etwas zutiefst Wichtiges: strukturierte Räume für Freude, Würde, Gleichheit und Hoffnung.
Eindrücke vom Projekt
Bilder und Videos zu den Aktivitäten des Projekts finden Sie auf dem Instagram-Kanal und in der News-Rubrik der SPIN Website.
Für Rückfragen und allgemeines Interesse schreiben Sie gerne an info [AT] sportinclusion [DOT] net
