Porträtserie: Bühne frei für vielfältige & inklusive Vereine!

Wir stellen vor: Christoph Lagler von den Wildcats with Handicaps.

fairplay möchte jene Vereine und Initiativen vor den Vorhang bitten, die sich in ihrem Alltag für mehr Vielfalt, Inklusion und Antidiskriminierung in ihrem Verein und Umfeld einsetzen. Um Respekt zu zollen für die enorm wichtige Arbeit, die hier im und durch Sport geleistet wird, andere zu ermächtigen  und Vorbilder zu schaffen.

Teil 1: die WILDCATS with HANDICAPS!
Autor: Tobias Fries

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Hör-Spiel

Christoph Lagler ist blind und steht bei jedem Spiel der österreichischen Nationalmannschaft in der Fankurve. Statt sich mit einem separaten Platz für Behinderte zu begnügen, wollte er schon immer dahin, wo die Stimmung ist. Ein Stadionbesuch der gar nicht so anderen Art.

Es ist einer dieser winterlichen Herbsttage, an dem sich Christoph Lagler an seinem Platz im Ernst-Happel-Stadion einfindet. In der Fankurve der österreichischen Nationalmannschaft, Sektor D, Stiege elf bis zwölf, vorderste Reihe. Nicht viele Fans haben heute den Weg ins Praterstadion gefunden. Bei etwa zwei Grad an einem Sonntagabend im späten November ist nur jeder vierte Platz besetzt, 18.000 Zuschauerinnen und Zuschauer sind gegen den amtierenden Europameister Italien gekommen. Ein paar Stunden vor dem Freundschaftsspiel war die WM in Katar eröffnet worden, für die sich beide Nationalteams nicht qualifiziert hatten.

Christoph Lagler ist aber sowieso lieber hier. Er bezeichnet sich als „Kind der Kurve“, ist fast bei jedem Heimspiel der Österreicher live im Stadion. Er hat sogar einen Fanclub gegründet, mit dem er auch an diesem Abend da ist. Gegen Italien läuft es von Anfang an gut für die Elf von Ralf Rangnick, schon in der 6. Minute erzielt Xaver Schlager die Führung. Das ÖFB-Team erarbeitet sich danach weiter Chancen, auch Lagler nimmt das mit, wo es doch gegen die Nachbarn meistens nicht so gut läuft. Als Marko Arnautovic wiedermal mit dem Ball in der Nähe des italienischen Tors dribbelt, ruft er: „Schieß doch“. Die meisten Fans im Stadion sehen, wie Arnautovic seine Chance auf ein Tor verpasst. Bei Lagler ist das anders. Er konnte die Szene gar nicht sehen. Er hat sie beschrieben bekommen über die Kopfhörer, die er das ganze Spiel lang trägt. Lagler ist fast komplett blind und Obmann der „Wildcats with Handicaps“ – einem Fanclub für Behinderte.

Schon als Lagler auf die Welt gekommen ist, hatte er nur 30 Prozent Sehkraft. Damit konnte er mit Unterstützung von Brillen oder Kontaktlinsen aber zumindest ein Buch lesen – oder ins Stadion gehen. Er ist als sehender Fan in der Kurve aufgewachsen, „wie jeder andere auch“, sagt er. „Nur, dass ich lediglich bis etwa zur Mittellinie sehen konnte.“ Ob er auf den geraden Tribünen mehr gesehen hätte, weiß er nicht: „Das habe ich glaube ich nie ausprobiert. Ich kenne nur Fansektoren.“ Mit 26 Jahren hat sich Laglers Sehkraft dann stark verschlechtert. Heute kann er nur mehr hell und dunkel unterscheiden.

Das hindert Lagler aber nicht daran, im Stadion voll mitzugehen. Gegen die Italiener ist er genauso dabei, wie die anderen Fans in der österreichischen Kurve. Er hüpft, singt, klatscht und beschwert sich auch über den Schiedsrichter, wenn es sein muss. Sein Gerät, über das er die Audiodeskription eines Blindenreporters des ÖFB empfängt, funktioniert heute nicht ganz einwandfrei. Durch das Rauschen hört er aber trotzdem noch, wann eine diskussionswürdige Entscheidung gepfiffen wurde.

Dieses Stadion-Feeling hätte Lagler so nicht gehabt, würde er in einem separaten Bereich für behinderte Menschen sitzen. Deshalb hat er zusammen mit Magdalena Klatil im Jahr 2016 die „Wildcats with Handicaps“ gegründet, einen Fanclub für leidenschaftliche Stadiongänger mit Behinderung. So können sich die Gehandicapten gegenseitig unterstützen. Gegen Italien sind nicht so viele gekommen, eher der „harte Kern“, wie Lagler sagt. Dabei ist auch Sylvia, eine Freundin von Lagler. Sie hat keine Behinderung, begleitet Lagler aber, damit er sich im Stadion zurechtfinden kann. Seinen Blindenstock kann er hier nämlich nicht so gut benutzen, dafür ist es zu voll. Stattdessen hakt sich eine der Begleitpersonen ohne Handicap bei ihm ein und führt ihn durch die Tribünen. Insgesamt haben die Wildcats etwa 20 Mitglieder, nur sechs davon haben eine Behinderung, der Rest sind vor allem Freunde Laglers, die als Begleitungen mit zu den Spielen gehen.

Der Österreichische Fußball-Bund weiß um die Besonderheit des Fanclubs. „Ich kenne sonst keinen vergleichbaren Fanclub oder eine organisierte Gruppe von Menschen mit Behinderung in Österreich“, sagt Ingo Mach, Fan- und Behindertenbeauftragter beim ÖFB. Zwar habe man, als die Anfrage der Wildcats gekommen ist, erstmal sicherheitstechnische Fragen klären müssen, das sei aber kein Problem gewesen. Noch ist es normal, dass sehbehinderte Menschen auf bestimmten Plätzen im Stadion sitzen müssen, weil sie ein Empfangsgerät für den Audiokommentar von Fanbetreuer Mach ausgehändigt bekommen. Mit einer neuen App, die der ÖFB bald benutzen will, könnte sich das aber langsam ändern. „Durch die App braucht es kein Empfangsgerät mehr, das man sich extra abholen muss“, sagt Mach. „Der Blindenkommentar läuft dann direkt über das eigene Handy.“

Über den Blindenkommentar kann man nicht nur Spielszenen nachverfolgen. Lagler interessiert sich nämlich auch sehr für Taktik und Formationen, ist Fan eines qualitativ hochwertigen Fußballs. Gegen Italien fällt seine Analyse jedoch sehr einfach aus: „Die strengen sich heute nicht so an“, sagt er und hört etwas später, wie David Alaba mit seinem Freistoßtor die Entscheidung für Österreich fällt. Auch wenn er es nicht gesehen hat, freut er sich genauso wie die anderen im Ernst-Happel-Stadion. Ein bisschen Jubel tut gut bei den eisigen Temperaturen. „Ein schönes Tor“, sagt er. Es war der letzte Stadionbesuch für dieses Jahr.

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„Menschen mit Handicap trauen sich vielleicht eher in den Fansektor, wenn sie nicht alleine sind“

Christoph Lagler ist blind und Fan des österreichischen Nationalteams. Mit einer ebenfalls gehandicapten Freundin hat er den Fanclub „Wildcats with Handicaps“ gegründet. Im Interview erzählt er, wie sie auf die Idee eines Fanclubs für Behinderte gekommen sind und welche Herausforderung es beim Stadionbesuch mit Handicap gibt.

Fairplay: Warum haben Sie zusammen mit Magdalena Klatil den Fanclub „Wildcats with Handicaps“ gegründet?

Christoph Lagler: Nach der Europameisterschaft 2016 in Frankreich hatten Magdalena und ich die Idee, einen Fanclub zu gründen, um in der Kurve in den ersten Rang zu kommen. Und weil wir beide eine Behinderung haben, dachten wir, wir machen einen Fanclub für Menschen mit Handicap. So trauen sich Behinderte vielleicht eher in den Fansektor, weil sie nicht alleine sind. Anders als in Deutschland zum Beispiel hat es in Österreich auch noch keinen Fanclub für Menschen mit Handicap gegeben.

Normalerweise sind behinderte Menschen im Stadion in separaten Bereichen. Warum Sie nicht?

Ich habe mir das zweimal angeschaut, aber das war einfach nichts für mich. Ich bin in der Kurve aufgewachsen, kenne nur Fansektoren. Ich will da sein, wo die Stimmung ist, 90 Minuten stehen, mich aufregen, wenn es sein muss. Also haben wir die Wildcats gegründet und uns beim ÖFB gemeldet.

Wie hat der ÖFB reagiert?

Man hat das Projekt von Anfang an eigentlich sehr, sehr positiv aufgenommen. Wir werden nicht anders behandelt als andere Fanclubs. Es gibt ja auch keinen Grund dazu, weil der ÖFB mit uns nicht wirklich mehr Aufwand hat.

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Die Ordner im Sektor sind informiert, falls das Stadion mal evakuiert werden müsste, hat ÖFB-Fanbeauftragter Ingo Mach erzählt. Welche Herausforderungen gibt es für behinderte Person im Stadion sonst?

Eigentlich keine besonderen, die ich nicht auch im Alltag habe. Natürlich sind im Stadion mehr Menschen auf kleinerem Raum unterwegs und ich kann meinen Blindenstock nicht benutzen. Aber deshalb haben wir immer Begleitpersonen ohne Behinderung mit, die uns helfen. Ich werde dann zu meinem Platz und später aus dem Stadion herausgeführt.

Bei welchen Spielen des Nationalteams sind die Wildcats dabei?

Bei allen Heimspielen sind wir in irgendeiner Form vertreten. Wir sind auch schon bei der U21-EM in Italien gewesen. Nächstes Jahr würde ich gerne nach Belgien fahren für die EM-Qualifikation 2024, mal sehen, wie viele sich dafür melden. Sollte sich Österreich für die EM in Deutschland qualifizieren, werde ich natürlich gleich zwei Wochen Urlaub eintragen.

Kann jeder Mitglied bei den Wildcats werden?

Prinzipiell ja. Die Voraussetzung für den Mitgliedspreis für Menschen mit Behinderung ist ein Behindertenpass. Rollstuhlfahrer unterstützen wir gerne beim Kauf der Tickets, in den Sektor mit uns können sie leider nicht, weil der nicht barrierefrei ist. Wir haben derzeit etwa 20 Mitglieder, davon haben sechs eine Behinderung, der Rest sind vor allem Freunde von mir, die als Begleitpersonen mitgehen. Wir suchen aktuell nach mehr gehandicapten Mitgliedern, das ist aber gar nicht so einfach.

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