Kraft durch Unterdrückung - Der globale Frauenfußball zwischen Empowerment & Diskriminierung

Die zweifache afrikanische Fußballerin des Jahres, Cynthia Uwak, wurde von der fairplay Initiative zum Public Viewing der Frauen WM 2019 ins Wiener WUK geladen, um über Herausforderungen, Probleme und persönliche Erfahrungen als homosexuelle, afrikanische Fußballerin zu erzählen. Matthias Krammerstorfer schreibt in seinem Artikel über Frauenfußball als schmalen Grat zwischen Emanzipation und reiner Partizipation im Schatten der Männer.

Cynthia Uwak + Lulu Sabitti beim WM-Talk im WUK am 17. Juni 2019
Cynthia Uwak beim WM-Talk im WUK am 17. Juni 2019
Cynthia Uwak + Lulu Sabitti beim WM-Talk im WUK am 17. Juni 2019
WM-Talk im WUK am 17. Juni 2019

„Eigentlich sollte ich heute auch in Frankreich stehen und mein Heimatland Nigeria als Kapitänin auf den Platz führen“, sagte Cynthia Uwak wenige Minuten vor dem Anpfiff des Vorrundenspiels Nigeria gegen Gastgeber Frankreich, anlässlich der diesjährigen Frauenfußball Weltmeisterschaft. Gemeinsam mit Lulu Sabbiti, Aktivistin der finnischen Organisation Liikkukaa – Sport for all und Managerin des EU-Projekts SPIN Women, redete Cynthia Uwak über die persönlichen und strukturellen Herausforderungen im Frauenfußball. Die spannende Lebensgeschichte von Uwak deckt fast alle Problemfacetten ab, die eine Frau im Sport haben kann. Als schwarze, lesbische Sportlerin, die zusätzlich für mehr Geschlechtergleichheit im Fußball und faire Bezahlung eintritt, hat es Cynthia Uwak nicht leicht. Der Rauswurf aus dem nigerianischen Nationalteam als beste Spielerin, Gehaltseinbußen gegenüber weißen Spielerinnen sowie die drohende Gefängnisstrafe im eigenen Land aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, sind nur ein paar der Probleme, die Cynthia Uwak in ihrem Kampf begleiten.

Um zu verstehen, wie Cynthia Uwak den beeindruckenden Weg von der Straßenfußballerin aus Akwa Ibom zu einer Vorreiterin für Gleichberechtigung und Antihomophobie im Sport geschafft hat, muss man in ihre Kindheit blicken.
„Ich war auf der Straße mit den Jungs und habe Fußball gespielt, für die meisten war ich nur das Mädchen. Aber meine Liebe zu diesem Sport war so groß, dass mich das noch mehr motiviert hat, besser zu werden.“
Und dieser Ansporn hat bereits früh Wirkung gezeigt. Bereits als 16jährige spielte sie bei der U19-Weltmeisterschaft 2002 mit. Eine weitere Teilnahme folgte 2004, bevor sie zwei Jahre später schließlich den Grundstein für ihre erfolgreiche Spielerinnenkarriere in Europa legte. Bei der U20-Weltmeisterschaft 2006 wurde sie dank ihrer vier Tore ins All-Star-Team des Turniers gewählt. Als Lohn für ihre Leistungen folgte ein Kaderplatz bei der Frauenfußball Weltmeisterschaft 2007 in Schweden, wo Cynthia Uwak Nigerias einziges Tor erzielte. Der Bruch mit dem eigenen Land folgte erst kurz vor der Weltmeisterschaft im Jahr 2011. Uwak zählte mittlerweile zu den bekanntesten Fußballerinnen Afrikas, war über die Grenzen hinaus bekannt und fiel durch ihren unkonventionellen Kleidungsstil und ihre direkte Art auf. Inzwischen hatte Uwak zwei African Cup of Nations Titel mit Nigeria gewonnen und Vereinsstationen in den ersten Ligen Schwedens, Frankreichs und Deutschlands vorzuweisen. Beim Turnier 2011 in Deutschland sollte Cynthia Uwak allerdings schon nicht mehr dabei sein.

kicked out by homophobia

„Schon während meiner Zeit in Nigeria hatten sich die Menschen über meinen Kleidungsstil gewundert, ich habe einfach immer gern Krawatten getragen. Aufgrund meiner Dreadlocks und meiner Piercings, die in Afrika als stereotypisch für Lesben gelten, war meine sexuelle Orientierung schnell ein Thema. Trotzdem darf man Menschen nicht nur aufgrund ihres Erscheinungsbildes bewerten.“
Da Cynthia Uwak keinen Hehl aus ihrer Homosexualität gemacht hatte und in Nigeria gleichgeschlechtliche Sexualität verboten ist, wurde sie gemeinsam mit anderen lesbischen Spielerinnen aus dem Kader für die WM 2011 ausgeschlossen.
„Ich wurde aufgrund meiner sexuellen Orientierung aus dem Nationalteam Nigerias geworfen. Aber auch nur weil ich nicht darüber geschwiegen habe“, so Uwak. Für Cynthia und die anderen Spielerinnen hatte das nicht nur die Auswirkung, bei sportlichen Großereignissen zu fehlen, sondern die noch schlimmere Konsequenz, nicht mehr nach Nigeria einreisen zu können.
„Ich war aus Selbstschutz seit Jahren nicht mehr zuhause. Am Flughafen würde ich sofort erkannt und festgenommen werden. In Nigeria ist Homosexualität eine Straftat.“

Trotzdem war der Aufschrei im eigenen Land anfangs groß. Die damalige Trainerin der Super Falcons, Ngozi Uche, machte auch kein Geheimnis aus dem Grund ihrer Entscheidung. Frei nach dem Motto: Wenn du drüber schweigen kannst, dass du Lesbe bist, kannst du bleiben. Wenn du das nicht kannst, wirst du aus dem Nationalteam verbannt. Niemand wagte es zu widersprechen, weil Homosexualität in Nigeria nicht nur eine Straftat, sondern ein Tabu darstellt. Als beste Spielerin das eigene Nationalteam nicht mehr verstärken zu können, schmerzte, dennoch steht Cynthia Uwak bis heute hinter ihrer Entscheidung. Ob sie im Nachhinein etwas anders machen würde? „Ja“, sagte Cynthia, „die Wahrheit ist, dass ich viel zu lange gegen mich angekämpft habe, so gesehen hätten sie mich schon als 5-jährige aus dem Nationalteam rauskicken müssen!“

Sogar noch Jahre später, in einem Interview mit dem nigerianischen Newsportal 360nobs.com, drehte sich alles um ihre sexuelle Orientierung. Dabei wollte Cynthia Uwak ein Statement setzten, dass man Menschen respektieren sollte, egal wie sie angezogen sind oder welche sexuelle Orientierung sie haben. Trotzdem wurde Cynthias‘ Kernaussage verfälscht veröffentlicht.
„Ich wollte eigentlich sagen, dass nicht alle weiblichen Fußballerinnen Lesben sind, auch wenn sie sich unkonventionell kleiden. Aber laut dem abgedruckten Titel war meine Aussage, dass Fußballerinnen keine Lesben sind. Es sollte dastehen, dass nicht alle Fußballerinnen Lesben sind.“

Über ihre eigene Sexualität würde sie in Nigeria sowieso nicht reden, schon gar nicht öffentlich. „Da muss ich mich in erster Linie selber schützen“, erklärte Uwak diesen Umstand.

Rassistische Realität im Frauenfußball

Aber auch Rassismus hat Cynthia Uwak in vielen Bereich in ihrer aktiven Laufbahn zu spüren bekommen, dutzende Male. Sogar mit rassistisch motivierten Angriffen ihrer Mit- oder Gegenspielerinnen hatte sie oft zu kämpfen. Ein großes Problem erörtert Uwak in der Tatsache, dass Frauenfußball, im Vergleich zu Männerfußball, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Wenn Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe im Frauenfußball passiert, wird das nicht verfolgt, so Uwak.
„Wenn du nichts auf Kamera oder Ton hast, kannst du nur mit deiner Aussage zum Trainer, Verein oder Verband gehen und dort werden rassistische Vorfälle meist nicht weiterverfolgt. Solange sich die Öffentlichkeit nicht dafür interessiert, werden diese Zwischenfälle bei den Frauen weiterhin fernab der Bildfläche behandelt und bleiben ohne Konsequenzen.“
Doch es wäre nicht Cynthia Uwak, wenn sie nicht ihre eigene Umgangsform mit Angriffen entwickelt hätte.
„Rassismus auf und abseits des Platzes habe ich schon hunderte Male erlebt. Doch mittlerweile lasse ich es die anderen büßen, indem ich sie am Feld so viel laufen lasse, bis sie es bereuen.“
Egal ob Mit- oder Gegenspielerinnen, Cynthia will sie spüren lassen, dass sie die sportlich größere Qualität mitbringt und damit Rassismus im Keim ersticken.

Doch auch abgesehen von den rassistisch motivierten Angriffen im (sportlichen) Alltag, finden sich afrikanische Frauen auch am Gehaltszettel der europäischen Vereine meist im unteren Segment wieder.
„Ich habe bei manchen Klubs weniger verdient als europäische Spielerinnen, obwohl ich immer zu den Stars meiner Teams gezählt habe. Teilweise habe ich sogar gar kein Gehalt bekommen. Aber im Frauenfußball gibt es keine ernstzunehmende Vertretung für Spielerinneninteressen.“

Hände falten, Mund halten?

Trotzdem muss aufgezeigt werden, dass Fußballerinnen ihren männlichen Kollegen auf einer anderen Ebene um einiges voraus sind. Während im Männerfußball der Einheitstyp vom glatten, gebrieften und unpolitischen Akademiespieler dominiert, der schon im Teenageralter Millionenverträge unterzeichnet, findet man im Frauenfußball auch Charaktere, die außerhalb ihrer sportlichen Erfolge einen gesellschaftlichen Mehrwert bringen. Anders als die männlichen Topverdiener, die ohne kritischen Blick in der Profifußballblase das Geld nehmen oder in Ländern auflaufen, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden, beziehen Spielerinnen Stellung. Neben Cynthia Uwak, die sich vor allem gegen Homophobie im Fußball einsetzt, muss auch die US-amerikanische Nationalteamkapitänin Morgan Rapinoe erwähnt werden. Die auch politisch als linke Flügelspielerin auflaufende Rapinoe, nahm bereits vor der WM Stellung zur Einladung von US-Präsident Donald Trump, sollte das US-Team gewinnen. „I am not going to the fucking White House“, sagte sie bestimmt in einem kürzlich veröffentlichten Videoausschnitt. Rapinoe war auch eine der ersten weißen Unterstützerinnen im Protest gegen rassistische Polizeigewalt in den USA rund um den von Colin Kaepernick ausgelösten Widerstand und gilt als Koryphäe im Kampf für gleiche Bezahlung im US-Frauenfußball. Auch in Österreich zeigte die Frauenmannschaft des FC Mariahilf Farbe im Match gegen das Frauennationalteam aus dem Vatikan, indem gegen Homophobie und für das Recht auf Abtreibung protestiert wurde.

Frauenfußball wird noch immer marginalisiert. Ganz gleich ob es um öffentliche Berichterstattung, Sponsoring, Gehälter oder sonstige Formen der Gleichberechtigung geht. Trotzdem wirkt es, als würden starke Frauen wie Cynthia Uwak oder Morgan Rapinoe diesen Umstand nicht akzeptieren wollen und für ihre Ziele kämpfen, um diese auch zu erreichen. Es war ein langer Weg, um Frauenfußball überhaupt möglich zu machen, wobei das global gesehen noch nicht einmal stimmt. Der weitere Kampf wird auch ein langer werden und es bleibt zu hoffen, dass es weiterhin Spielerinnen gibt, die auch in unangenehmen Situationen den Mund aufmachen und so vielleicht auch eines Tages ihre männlichen Kollegen aus dem Meinungswinterschlaf holen.

Matthias Krammerstorfer hat Globalgeschichte & Global Studies studiert, schreibt in regelmäßiger Unregelmäßigkeit für den ballesterer, ist für das Integrationsfußballprojekt Käfig League aktiv und Mitbetreiber des Blogs "b-side.football-Außenansichten".