Barrieren für Frauen im Sport abbauen

Das Kick Off zum europäischen Projekt SPIN Women fand in Budapest statt. Ziel ist es, die Teilhabe von migrantischen Frauen im Sport zu erhöhen.

Betrachtet man die Gesellschaft als Ganzes, so gehören migrantische Mädchen und Frauen bzw. Frauen ethnischer Minderheiten zu den verletzlichsten und marginalisiertesten Gruppen. In den europäischen Gesellschaften generell aber auch im Sport, wo jene Frauen und Mädchen unterrepräsentiert sind und kaum Zugang zum organisierten Sport finden. Und wenn sie Zugang finden, so bleibt ihr Beitrag meist unsichtbar.

Vor diesem Hintergrund hat das SPIN Netzwerk das Projekt “Sport Inclusion of Migrant and Minority Women” (SPIN Women) entwickelt, das durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Kommission gefördert wird. SPIN Women will soziale Inklusion vorantreiben und gleiche Möglichkeiten schaffen für Mädchen und Frauen durch eine verstärkte Teilhabe am Sport. Denn der Sport ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Vorurteile abgebaut  werden können und Selbstermächtigung stattfinden kann. Bisher allerdings vor allem für Männer und Burschen.

Der Hass nimmt zu

Die sieben Partnerorganisationen haben sich von 15.-16. Februar in Budapest getroffen um die Initiative zu starten. Gastgeber des Treffens im Budapester Sport-Auditorium war der ungarische Partner Mahatma Gandhi Human Rights Organisation (MGHRO). In der Eröffnungsrede betonte der Präsident der MGHRO Gibril Deen die schwierige Situation in Ungarn. Vor dem Hintergrund nationalistischer und rassistischer Politik wird interkulturelle Arbeit und der Einsatz für Menschenrechte immer prekärer. Ein neues Gesetz kriminalisiert gar die Arbeit von NGOS, die sich für die Rechte von Asylwerber_innen einsetzen.

Die Aktivistin Getrude Onyejiaku berichtete von den wachsenden Anfeindungen gegen Migrant_innen: “Ich bin als Studentin nach Ungarn gekommen und beginne nun in Angst zu leben. Auch gegen jene, die legal hier sind, wächst der Hass.”

Als Antwort auf die Situation in Ungarn haben die SPIN Partner beschlossen ein Solidaritäts-T-Shirt zu produzieren, mit dessen Erlös die so enorm wichtige Arbeit der MGHRO unterstützt werden soll.

Roma Frauen und Sport

Am Freitag Nachmittag gab es ein Impulsreferat von Balog Gyongyi. Sie ist Turnlehrerin und Roma-Aktivistin. Die aufschlussreiche Presentation skizzierte die Notlage der Roma in Ungarn und Gyongyis Ansatz, Menschen durch Sport aus der Armut herauskommen. Denn geringe Bildung, keine Jobmöglichkeiten, strukturelle Diskriminierung – mit bestimmten bei Roma typischen Vornamen hast du z.B. keine Chance auf Arbeit –, niedriger sozialer Status und ein schlechter Zugang zur Gesundheitsversorgung – mehr als die Hälfte der Roma sterben bevor sie 50 sind – führen zu einem Teufelskreis aus Segregation und Armut.

Gyongyi ist der Überzeugung, das Bildung und Sport Wege sind, um auszubrechen. Um Roma-Frauen durch Sport zu erreichen müsse man möglichst bei den ganz jungen ansetzen, da Roma-Mädchen als Teenager schon die gesellschaftlichen Aufgaben von Erwachsenen übertragen bekommen und entsprechend schwerer zu erreichen sind.

Gläserne Decken

Am Samstag fokussierte die Diskussion darauf, die Barrieren zu verstehen, mit denen migrantische Frauen und geflüchtete Frauen, sowie Mädchen und Frauen generell, konfrontiert sind im organisierten Sport. David Lenane, der Frauenfußball Koordinator des Irischen Fußballverbandes, präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage in Irland, die sich an Trainerinnen richtete und wissen wollte, was sie daran hindert, die nächsten Schritte in der TrainerInnen-Ausbildung zu machen. “Der meistgenannte Grund ist die fehlende Zeit um die TrainerInnen-Ausbildung abzuschließen. Wir bräuchten mehr Online-Elemente. Und es fehlen die Vorbilder! In Irland haben wir nur zwei Trainerinnen mit der UEFA-Pro-Lizenz.” 

Ein zentrales Ziel von SPIN Women ist es, die Kapazitäten von Mädchen und Frauen im Sport (Athletinnen, Trainerinnen, Funktionärinnen) zu erhöhen, sie zu ermutigen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit sie sich (höher) qualifizieren können.

SPIN: Partner, Aktivitäten und Werkzeuge

Das Erasmus+ Projekt “Sport Inclusion of Migrant and Minority Women: Promoting sports participation and leadership capacities (SPIN Women)” wird von der fairplay-Initiative am VIDC (Österreich) koordiniert. Zu den Projektpartnern gehören der Fußballverband der Republik Irland (FAI), die portugiesische Spielervereinigung (SJPF), Camino (Deutschland), UISP (Italien), Liikkukaa - Sport for all (Finnland) sowie die Mahatma Gandhi Human Rights Organization (MGHRO) aus Ungarn.

Ziel von SPIN Women ist es, die unterschiedlichen Perspektiven von Frauen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung aufzuzeigen und Strategien zu entwickeln, um ihr Engagement im Sport zu erhöhen. Dazu gehören der Aufbau und die Stärkung von Führungsfähigkeiten, die Qualifizierung als Trainerinnen und Multiplikatorinnen. Darüber hinaus sollen das öffentliche Bewusstsein geschärft und den Verbänden Maßnahmen zur Gleichstellung vorgeschlagen werden.

Multiple Diskriminierung

Das Projekt SPIN Women verfolgt einen kritischen Ermächtigungs-Ansatz unter Miteinbezug der verschiedenen Formen der Ungleichheit, von denen migrantische Frauen und Frauen, die zu ethnischen Minderheiten gehören, betroffen sind (Stichwort Intersektionalität). Das Projekt ist die erste europaweite Sportinitiative, die sich systematisch auf die Förderung und Einbeziehung von weiblichen Flüchtlingen und Asylsuchenden sowie von Frauen mit ethnischem Minderheitenhintergrund (wie Roma) in und durch den Sport konzentriert.

Zwei Jahre lang werden verschiedene Aktivitäten umgesetzt. Dazu gehören die empirische Forschung über erfolgreiche Strategien und Empowerment (Workstream 1), Schulungen und europäische Vernetzung mit Sportakteurinnen (Workstream 2), Events zu Stärkung von minoritären Frauen im Fußball und zur Änderung Europäischer Politiken (Workstream 3), sowie Bildungsarbeit und Sensibilisierung, unter anderem in den Europäischen Wochen des Sports und durch die Ausstellung „(In) Visible – Ethnic Minority Women in Sport“, die 2020 fertiggestellt wird (Workstream 4).

Nächste Schritte

Die empirische Forschung ist der Schwerpunkt der ersten Projektphase. Fokusgruppen mit Sport-Anleitenden und Trainerinnen, die mit Migrantinnen oder ethnischen Minderheiten arbeiten, finden im Frühjahr 2019 in allen Partnerländern statt. Der Fokus wird auf erfolgreichen Strategien liegen, wie Initiativen und Einzelpersonen es geschafft haben, die vielen Barrieren zu überwinden.


Mehr Informationen zum Projekt (Englisch): https://sportinclusion.net/

Der Projekt Flyer zum Download (Englisch)