Sotschi 2014, WM 2018 – Manege frei für Homophobie

Das Quasi-Verbot von Homosexualität in Russland, die Olympischen Spiele und viele Kampagnen, die aktiv gegen Homophobie und die Ignoranz seitens des IOC und der einzelnen Nationen ankämpfen. Ein Kommentar.

Quelle: https://www.facebook.com/ToRussiaWithLoveAustria
Quelle: https://www.facebook.com/ToRussiaWithLoveAustria

Viel wird diskutiert über „Putins Spiele“, über die Ausbeutung von Arbeitskräften, um die gigantomanischen Bauten bis Februar 2014 fertigzustellen, über ökologische Fragen und, leider viel zu wenig, auch über die Lage der Menschenrechte, insbesondere die von LGBTIQs (1) in Russland. Spitze des Eisberges ist ein Gesetz, das 2013 verabschiedet wurde und Homosexualität praktisch verbietet.

Zwang zur Unsichtbarkeit

Im Juni 2013 unterzeichnete Vladimir Putin ein Gesetz, das „jegliche positiven Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien“ unter Strafe stellt. Dieses ist ein Freibrief dafür, homosexuelle Menschen zu verfolgen und ihr Leben unter Strafe zu stellen sowie eine Einladung an die homophoben und konservativ-orthodoxen Teile der Gesellschaft, den prekären legalen Stand von LGBTIQs auszunutzen und gegen sie – auch gewalttätig – vorzugehen. Welche sozialen, politischen und menschenrechtlichen Folgen, insbesondere was den Alltag von Lesben, Schwulen und Transgendermenschen betrifft, dieses menschenrechtswidrige Gesetz im Konkreten haben wird, ist noch nicht genau abzusehen. Eines ist aber jedenfalls klar: Sich zu verstecken und unsichtbar zu bleiben, wird für viele die einzige Möglichkeit sein. Oder, und vor allem wer es sich leisten kann, denkt daran, auszuwandern.

Sotschi 2014 – eine Scheinheiligkeit

Im Zusammenhang mit der Austragung der Olympischen Spiele 2014 hat sich dementsprechend Widerstand und Protest geregt: einerseits soll das Medienevent Sotschi als Plattform dienen, um auf die Situation der Menschenrechte und die Diskriminierung von LGBTIQs aufmerksam zu machen, andererseits wird von LGBTIQ-Organisationen und Menschenrechtsgruppen ein Boykott der Spiele gefordert – nachdem das IOC (International Olympic Commitee) sich ganz offensichtlich weder zu einer Rücknahme des Zuschlages an Russland noch zu einem klaren Statement durchringen konnte. Weder wird ein einziger Nationalstaat die Spiele boykottieren, noch ist eine Sportlerin, ein Sportler bekannt, der_die ein solches klares Statement setzen würde. Medial bekannt sind eher jene Aussagen offen homosexueller Sportler_innen, die sich für eine Teilnahme aussprechen. Um das Tapet, so zum Beispiel der US-amerikanische Eiskunstläufer Johnny Weir (2), nicht den Homophoben zu überlassen. Auch die österreichische Skispringerin Daniela Iraschko schlägt ähnliche Töne an (3), hofft auf den positiven Einfluss, den die Spiele haben könnten, verharmlost aber gleichzeitig die homophobe Situation in Russland, indem sie meint, dass sich LGBTIQs dort eben „ein bisschen verstecken“ müssten. Sie spricht andererseits ein wichtiges Thema an: die Scheinheiligkeit von Institutionen wie dem IOC oder der FIFA, einerseits problemlos die Austragung an Länder zu vergeben, die Menschenrechte alles andere als hochhalten und dann so tun, als würde alles versucht werden, schöne Spiele für alle – ohne Diskriminierung – zu veranstalten.

No queer Rights! No Stoli! No Sotschi!

Widerstand regt sich in der Community und unter Aktivist_innen und – zumindest pro forma –manchmal auch auf politischer Ebene (Barack Obama z.B.). Vom Vodka-Boykott queerer Lokale bis zur weltweiten Initiative „To Russia with Love“ (Referenz auf "From Russia with love" bzw. „Liebesgrüße aus Moskau“, Titel eines James Bond Filmes), die dezentrale Aktivitäten gegen das homophobe russische Gesetz und die Ignoranz der Politik setzt. Alle können hier mitmachen: ein queeres Kiss-In vor Ort veranstalten oder einfach ein Foto deiner Gruppe mit dem Slogan machen und auf Facebook posten (4). Auch in Wien gab es eine Demonstration mit Kiss-In vor der Russischen Botschaft und die LesBiSchwulen Aktivist_innen ebenso wie die LGBTIQ-Sportvereine setzen klare Zeichen. Eine eigene Facebook-Seite „From Russia With Love Austria“ zeigt und vernetzt die österreichweiten Aktivitäten. Ein Wander-Transparent mit dem Slogan „To Russia with Love“ kursierte und zeigt etliche Einzelpersonen, Gruppen, Aktivist_innen und auch Politiker_innen wie Sozialminister Rudolf Hundstorfer, die sich zu Homophobie in Russland äußern (5). Des weiteren soll der Kurzfilm „Love Always Wins“ einer breiten Öffentlichkeit zeigen, was es heißen kann sich verstecken zu müssen und eben nicht zu feiern, zu umarmen und jenen Zuneigung zu zeigen, denen mensch nahesteht. Was für heterosexuelle Menschen so selbstverständlich scheint, dass es den meisten gar nicht bewusst ist, ist für Lesben und Schwule alles andere als gegeben (6).

Pride Houses in den Nationen-Dörfern

Ganz konkret und auf politischer Ebene setzt die Initiative Pride House International an, die versucht weltweit und insbesondere bei sportlichen Großevents Pride Houses, also physische Treffpunkte und sichere Orte für LGBTIQs und Freund_innen, zu etablieren, um die Teilhabe von LGBTIQs an den Events durch Sichtbarkeit – und Sicherheit – sowie die explizite Einladung zu ermöglichen. FairPlay-VIDC hat im Rahmen des Projektes Football for Equality gemeinsam mit der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) solch ein Pride House erstmalig bei einem Fußball-Großevent umsetzen können, nämlich 2012 bei der Europameisterschaft der Männer in Polen und der Ukraine. Die Errichtung eines Pride Houses – ein klassisches Beispiel „homosexueller Propaganda“ laut russischem Gesetz – ist in Sotschi schon rein legal nicht möglich. Deshalb ruft Pride House International die Nationalen Olympischen Komitees dazu auf, in ihren Nationalen Olympischen Dörfern Pride Houses bzw. Aktivitäten für LGBTIQs umzusetzen. Hierfür gibt es eine Online-Petition, die einfach unterschrieben werden kann (7). Es gibt also genug zu tun, um sich gegen Homophobie stark zu machen und ein Zeichen dafür zu setzen, dass Sport ein Platz sein kann, wo Diskriminierungen kollektiv abgebaut werden. Und nicht andersrum.


FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel ist seit 1997 gegen Diskriminierung insbesondere im Fußball aktiv und unterstützt die genannten Kampagnen, die sich gegen Homophobie im Allgemeinen wenden und Sotschi 2014 bzw. die WM 2018 in Russland kritisieren und in Frage stellen. FairPlay-VIDC fordert alle beteiligten Verbände, Politiker_innen, Wirtschaftstreibenden und Fans sowie Zuseher_innen des Olympia-Spektakels auf, hier klar Stellung zu beziehen! Celebrate Sport, fight discrimination!


(1)    Akronym für Lesbians, Gays, Transgender/Transsexual People, Intersex and Questioning/Queer)
(2)    http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/warmer-krieg-liebesgruesse-nach-moskau-12535315.html
(3)    http://kurier.at/sport/wintersport/homosexuelle-iraschko-stolz-im-fokus/29.763.337
(4)    https://www.facebook.com/ToRussiaWithLove2013
(5)    https://www.facebook.com/ToRussiaWithLoveAustria
(6)    https://www.youtube.com/watch?v=6AeqOFo7MRw
(7)    http://www.change.org/petitions/urge-national-olympic-houses-to-host-pride-house-celebrations-during-the-2014-sochi-olympic-and-paralympic-winter-games