Menschenrechte und Transfers von afrikanischen Fußballspielern

Das Thema des Menschenhandels im Transfersystem zwischen Afrika und Europa ist nach wie vor ein sehr aktuelles. Die fairplay Initiative recherchiert zurzeit zu menschenrechtlichen Risiken und Verantwortlichkeiten der involvierten Akteure. Mitte November diskutierte auch die Sport Intergroup im Europäischen Parlament darüber, wie Minderjährige vor Missbrauch geschützt werden können.

"Als ich ein kleiner Junge war, sah ich Spieler aus Europa, die große Autos fuhren, große Häuser kauften, und jeder wollte so sein wie sie." Dies sind die einleitenden Worte des belgischen Dokumentarfilms „Sideline“ (http://www.sideline.be), in dem ein ehemaliger nigerianischer Fußballer, Moses Adams, jetzt Spieleragent in Belgien, auf seiner Suche nach talentierten afrikanischen Spielern begleitet wird.

„Jedes Jahr kommen Tausende afrikanischer Fußballspieler nach Europa. Alle mit dem gleichen Ziel “, sagt Adams. „Können Sie sich vorstellen, wie viele von ihnen ein Vertrag bekommen? Von wie vielen erfahren Sie, dass sie Verträge mit Clubs abschließen? Vielleicht 50, 100, man weiß es nicht.“

Das Phänomen ist nicht neu

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Profisport zu einer massiven internationalen Finanzindustrie entwickelt, und der Fußball steht an der Spitze dieser Industrie. Fußballligen generieren enorme Einnahmen durch den Verkauf von TV-Rechten, Vereine werden zu transnationalen Unternehmen und Spieler werden zu bewunderten Marken ihrer selbst.

Diese Entwicklungen führen zu zwei Phänomenen: Junge Fußballer aus der ganzen Welt versuchen eifrig, in die großen Fußballligen Europas einzusteigen, und Fußballvereine dieser Ligen spannen globale Netzwerke, um junge Talente zu suchen.

Diese Phänomene führen jedoch auch dazu, dass ernsthafte menschenrechtliche Risiken auftreten und leider auch viele Menschenrechtsverletzungen vorkommen.

“Stop Trafficking of Young African Football Players”

Unter diesem Titel organisierte die Sport Intergroup des Europäischen Parlaments am 18. November eine Online-Konferenz. Vertreter_innen des Parlaments, der Europäischen Kommission, ein Spieleragent sowie der Regisseur des Films „Sideline“ diskutierten aktuelle Herausforderungen und nächste Schritte.

Es überraschte dabei nicht, dass das Muster, wie Spieler aus Afrika nach Europa kommen, immer noch ähnlich ist wie vor Jahren. Junge afrikanische Talente werden von einem vermeintlichen Spielervermittler entdeckt, dieser verlangt Geld von der Familie des Spielers, um so – neben einer Provision für den Spielervermittler – ein Ticket und die Papiere für einen Flug nach Europa zu besorgen. Aber zu oft finden Spieler keinen Verein, oder werden nach Ankunft nicht einmal vom Flughafen oder vom Hotel abgeholt. Sie sind in Folge auf sich alleine gestellt. Spieleragent Francis Stijn sieht dieses Muster als eine Form des modernen Sklavenhandels, die Spieler hätten keinerlei Rechte.

Die nächsten Schritte sind klar. Es braucht Verantwortungspflicht. Es braucht ein System, das den Transfer von Spielern reguliert und verantwortliche Akteure bei Verstößen zur Rechenschaft zieht. Nur sind diese Maßnahmen trotz eines oft wiederholten Aufrufs zum Handeln immer noch nicht in Kraft.

Spielertransfers und Menschenrechte

fairplay führt derzeit eine Studie zu „Menschenrechtlichen Risiken und Verantwortlichkeiten im internationalen Fußballtransfersystem“ durch. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei minderjährigen Spielern. Martin Kainz, Experte für Menschenrechte und Entwicklung bei der fairplay Initiative, führt die Forschung durch. "Der Ansatz, sich diesem Thema von einem rechtlichen Blickwinkel zu nähern, ist überraschenderweise ziemlich neu", sagt Martin Kainz, "aber er ist auch der Ansatz, der dringend benötigt wird. Er trägt definitiv zur Lösung bei." Er fügt hinzu: „Das internationale Menschenrechtssystem bietet ein Gerüst aus verpflichtenden Standards, mit dessen Hilfe die beteiligten Akteure ermittelt und klare Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten für sie festgelegt werden können.“

Angesichts des jungen Alters, in dem viele Sportler in den Profifußball eintreten, stellen sich in verschiedenen Phasen, bei der Einstellung und Behandlung, in Vereinen, in professionellen und informellen Akademien, aber auch früher, akute Fragen zu Menschen- und Kinderrechten. Die Rekrutierung beginnt nicht im „Gastland“. Sie beginnt in oft sehr privaten und informellen Strukturen in den „Sendeländern“. Die Bedingungen, denen junge Spieler ausgesetzt sind, unterscheiden sich aber zum Teil stark voneinander. Dies macht es erforderlich, die Mechanismen und die beteiligten Akteure genau zu verstehen. Der internationale Menschenrechts- und Kinderrechtsrahmen bietet eine Grundlage für rechtliche Standards, die international eingehalten werden sollten.

Die Phasen der Studie

Die erste Phase konzentriert sich auf die Identifizierung und Analyse von Quellen in Bezug auf die Logik des internationalen Transfersystems, einschließlich Transferdaten, FIFA-Vorschriften, die Anwendung von Menschenrechtsverträgen, die Untersuchung von Menschenrechtsrisiken, potenzieller Verantwortlichkeiten und Richtlinien sowie vorhandener Beispiele für gute und schlechte Praktiken.

Eine nächste Phase sollte sich dann, abhängig von weiterer Finanzierung, der eingehenden Forschung in einem oder mehreren (idealerweise drei) europäischen Ländern sowie in einem oder mehreren (idealerweise drei) afrikanischen Ländern widmen.

Netzwerke und Muster im Zusammenhang mit internationalen Transfers von Minderjährigen werden untersucht, Risiken, Verantwortlichkeiten, Präventions- und Minderungsmaßnahmen analysiert. Das Ergebnis ist ein Bericht über die Risiken und Verantwortlichkeiten, einschließlich der Empfehlungen für Maßnahmen zur Wahrung der Menschenrechte und der Kinderrechte in der Rekrutierung von Fußballern, mit einem Schwerpunkt auf Sub-Sahara Afrika.

Aus rechtlicher Sicht wird ein Schwerpunkt auf die Bestimmungen der zentraler Menschenrechtsverträge, die sogenannten Palermo-Protokolle zu Menschenhandel und die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte gelegt. In Bezug auf den Kontext in Afrika wird besonderes Augenmerk auf die Besonderheiten der Afrikanischen Charta für Menschenrechte und Rechte der Völker sowie auf die Afrikanische Charta der Rechte und des Wohlergehens des Kindes gelegt.

Die erste Phase der Forschung wird von der Austrian Development Agency finanziert.

 

Kontakt

Mag. Mag. Martin Kainz, LLM
fairplay Initiative
Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC)
+43 1 713 35 94 64
kainz@vidc.org