Diskriminierend aber fair?

Über Caster Semenya und das IAAF-Reglement, über Geschlecht, Diskriminierung und Fairness – Eine Nachbetrachtung aus menschenrechtlicher Sicht.

Am Mittwoch, den 1. Mai hat der Internationale Sportgerichtshof (CAS) einen Einspruch von Caster Semenya und des Südafrikanischen Leichtathletikverbandes abgelehnt, wonach die so genannte „Testosteron-Regel“ des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF) diskriminierend und somit nicht rechtens sei. Im März dieses Jahres nahm man im UN-Menschenrechtsrat wiederum einstimmig eine Resolution an, wonach internationale Sportverbände angehalten werden, die Menschenrechte zu respektieren. Aus menschenrechtlicher Sicht wäre das Urteil des CAS, und somit das Reglement des IAAF, wohl nicht haltbar.

Am Freitag, den 3. Mai hat Semenya zum Auftakt der Diamond League in Doha (Katar) noch den Sieg über 800 Meter gefeiert. Bis Mittwoch, den 8. Mai musste sie und andere Läuferinnen ihren Testosteron-Wert auf unter fünf Nanomol pro Liter Blut senken, um an der Leichtathletik-WM vom 27. September bis 6. Oktober in Katar antreten zu können. Dies liegt einem Reglement des IAAF und der diesbezüglichen Entscheidung des CAS zugrunde.

Zukünftig müsse man den geforderten Testosteron-Wert innerhalb einer durchgehenden Periode von zumindest sechs Monate vor den jeweiligen internationalen Events nachgewiesen haben. Laut CAS sei diese Regel „diskriminierend, aber fair“.

Die Wogen gingen medial hoch anlässlich dieses Urteils, die Meinungen waren dabei höchst unterschiedlich. Während die einen das Urteil als „furchtbar unfair“ beschrieben (Martina Navratilova, Ex-Tennisspielerin), verteidigten andere das Urteil auf Basis der Fairness (Paula Radcliffe, Ex-Marathonläuferin).

Zum Hintergrund

Bereits nach ihrem WM-Titel 2009 wurde Semenya (28, Südafrika) von der IAAF auf ihren Testosteron-Wert hin untersucht. Nach elf Monaten, in denen sie nicht starten durfte, wurde entschieden, dass sie ihre Goldmedaille behalten dürfe und wieder an den Start könne. Zugleich wurde von der IAAF festgelegt, dass Frauen, sofern sie einen Wert von über zehn Nanomol körpereigenes Tetosteron pro Liter Blut hätten, zukünftig Hormone nehmen müssen, um diesen Wert auf unter zehn zu senken. Dies tat Semenya.

Im Jahr 2015 klagte die indische Läuferin Dutee Chand vor dem CAS, nachdem sie 2014 bei den Commonwealth Games aufgrund eines höheren Werts als zehn disqualifiziert wurde. Sie bekam Recht, die Regel des IAAF war somit wieder außer Kraft. Für eine etwaige Wiedereinführung der Regel verlangte der CAS von der IAAF, dass in diesem Falle nachgewiesen werden müsse, dass ein höherer Testosteronwert tatsächlich zu einer Leistungssteigerung führe.

Das neue Reglement des IAAF und Semenyas Einspruch

Basierend auf Ergebnissen einer vom IAAF in Auftrag gegebenen Studie wollte der Verband mit 1. November 2018 schließlich ein adaptiertes Reglement einführen, das nur jenen Frauen einen Start an bestimmten IAAF-Bewerben erlaube, die einen Wert von unter fünf Nanomol körpereigenes Testosteron pro Liter Blut haben. Sofern Frauen darüber lägen, müssen sie (1) vom Recht her als Frau oder intersexuelle Person anerkannt sein, (2) ihren Nanomol-Anteil mindestens sechs Monate vor einem Wettbewerb mittels Hormonzufuhr entsprechend senken, und (3) diesen Wert halten, so lange sie für Wettbewerbe zugelassen sein wollen.

Bezeichnender Weise beschränkten sich die Studie und auch das Reglement ausschließlich auf jene Bewerbe, in denen Semenya an den Start ging, nämlich auf Lauf-Bewerbe von 400m bis 1.500m. Die Vorteile von Frauen mit erhöhtem Testosteronspiegel lägen in diesen Bewerben zwischen 1,8 und 4,5 Prozent.

Semenya und der Südafrikanische Leichtathletikverband erhoben gegen das Reglement Einspruch – auf Basis von Diskriminierung gegen Frauen, auf Basis fehlender wissenschaftlicher Beweislage, sowie auf Basis gesundheitlicher Gefährdung.

Das Urteil des CAS und seine Auswirkungen

Der CAS prüfte das Reglement in Folge auf Diskriminierung, auf Notwendigkeit und auf Verhältnismäßigkeit. In seinem Urteilsspruch vom 1. Mai argumentierte der Gerichtshof, dass das Reglement sehr wohl diskriminierend sei. Es betrifft eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen auf Basis biologischer Merkmale, und gilt nicht für Individuen ohne diese Charakteristika. Dies ist eine wichtige Feststellung. Der CAS befand aber auch, dass das Reglement des IAAF notwendig sei, um Wettkämpfe fair zu gestalten, und keinen biologischen Vorteil von einigen wenigen zu ermöglichen. Auch sei das Reglement verhältnismäßig. Verhältnismäßig in Bezug auf die verlangte Hormon-Reduktion, im Unterschied zu schwerwiegenderen Eingriffen, wie im Urteil erwähnt wird.

Der CAS legitimierte das Urteil letztlich mit der Fairness für Athletinnen, die keinen vermeintlichen biologischen Vorteil hätten, während der IAAF in einer Presseaussendung festhielt, dass mit diesem Ausgang die Integrität von weiblichen Athletinnen allgemein gewahrt bleibt.

Erstaunlich bei dem Urteil ist, dass eine vom IAAF in Auftrag gegebene und auf einige wenige Disziplinen begrenzte Untersuchung reichte, um die Richtlinien des IAAF zu legitimieren. Ebenso erstaunlich ist, dass der CAS, unter Berücksichtigung aller befragten Expert_innen (darunter auch Mediziner_innen, Genetiker_innen, Pharmazeut_innen) kaum auf die gesundheitlichen Aspekte der Regelung einging. Es wurde lediglich festgehalten, dass diese berücksichtigt wurden.

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender der World Medical Association (WMA) hält es „für sehr bedenklich, wenn ein internationales Sportreglement Ärzten vorschreiben will, Athleten Hormonpräparate zu verschreiben, um die normalen Vorgänge in ihrem Körper zu verändern“.

Eine UN-Resolution und die Menschenrechte

Bereits am 21. März 2019 wurde im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UN) in Genf einstimmig, d.h. von allen 159 UN-Ländern, eine Resolution zur „Eliminierung von Diskriminierung gegen Frauen und Mädchen im Sport“ angenommen. Von den Mitgliedsstaaten der UN wird darin verlangt, dass Sport-Verbände Policies und Praktiken einführen sollen, die bindenden Menschenrechtsstandards entsprechen, und dass diese davon zurückweichen sollen, Praktiken weiterzuführen, die von Frauen und Mädchen verlangen, sich medizinischen Behandlungen zu unterziehen, um an Wettbewerben teilnehmen zu dürfen.

Die UN-Resolution ist zwar rechtlich nicht bindend, sie weist jedoch auf bindend einzuhaltende Menschenrechte hin. Darunter fallen das Recht auf Gleichheit und Nicht-Diskriminierung, das Recht auf Gesundheit, Arbeit, Privatsphäre und Freiheit, sowie auf den absoluten Respekt vor der Würde und der körperlichen Integrität und körperlichen Autonomie des Menschen.

Unabhängig vom Urteil des CAS ist das Reglement des IAAF aus mehreren Gründen zumindest menschenrechtlich fragwürdig bis hin zu eindeutig verletzend:

  • Das Recht auf Gleichheit und Nicht-Diskriminierung würde verletzt werden, da Personen auf Basis ihres (biologischen und sozialen) Geschlechts durch den Ausschluss von Wettbewerben diskriminiert würden.
  • Die Vorgabe, Medikamente zu nehmen, um den Testosteron-Wert zu senken, könnte wiederum das Recht auf den höchsten erreichbaren Gesundheitsstandard sowie das Recht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit gefährden. So genannte antiandrogene Medikamente haben teils gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit. Nach dem südafrikanischen Sportwissenschaftler Ross Tucker sind die Nebenwirkungen der Einnahme von derartigen Medikamenten ähnlich hoch wie die Folgen bei einer Frau, die in ihre Wechseljahre eintritt.
  • Das Recht auf Arbeit und auf gerechte Arbeitsbedingungen könnte durch die Regelung in sofern verletzte werden, als der Spitzensport als Beruf anzusehen ist. Die Regelung würde bestimmte Personengruppen daran hindern, ihren gewählten Beruf entsprechend auszuüben.
  • Die zur Ausübung des Berufes erforderliche Messung der Testosteron-Werte könnte als Eingriff in die Privatsphäre, auch als Angriff auf die Würde des Menschen ausgelegt werden.
  • Die Freiheit von unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung könnte einerseits durch die aufgezwungene Einnahme von Medikamenten, aber auch bereits durch die Messung der Werte selbst angegriffen sein.

Grundsätzliches zur Kategorie Geschlecht und Fairness im Sport

Um Wettbewerbe vermeintlich fair zu gestalten, definiert der Sport Kategorien, so auch die Kategorien männlich und weiblich, und dafür – im Falle der IAAF – bestimmte Grenzwerte, die wiederum von eben diesem Verband festgesetzt wurden.

Würde man den Sport auf Basis der Kategorie Testosteron restlos fair gestalten wollen, müsste man wohl Testosteron-Leistungsklassen einführen, genauso wie es Gewichtsklassen im Boxen gibt. Um diese Leistungsklassen in weiterer Folge nicht alleine auf Basis von Testosteron zu beurteilen, wären wohl auch weitere Aspekte wir Körpergewicht etc. miteinzubeziehen.

Nachdem derartige Kategorisierungen aus heutiger Sicht utopisch sind, damit auch viele weitere Fragen aufgeworfen würden, bleibt man bei den Kategorien „männlich“ und „weiblich“. Diese sind jedoch so zu gestalten, dass sie möglichst fair sind – fair in Bezug auf vielerlei Aspekte.

Nächste Schritte

Aus sportlrechtlicher Sicht mag das Urteil des CAS notwendig und verhältnismäßig sein. Aus menschenrechtlicher Sicht ist es das wohl nicht.

Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Urteil – rechtlich gesehen – ohne Folgen bleibt. Nachdem der CAS seinen Sitz in Lausanne hat, liegt ein Gang zum Schweizer Bundesgericht (wie von Südafrika bereits angekündigt) nahe. In weiterer Folge könnte vielleicht sogar der Gang zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte notwendig werden.

Semenya reagierte vorerst so auf das Urteil, dass sie zukünftig auf die 3.000 Meter wechselt – eine Disziplin, wo sie nicht dazu gezwungen wird, in ihren Körper einzugreifen.