21.10.2015, diestandard.at | Der andere Weg - FC ALTERA PORTA

Der reine Mädchen- und Frauenfußballverein feierte letzte Saison seinen größten Erfolg und stieg in die zweithöchste österreichische Spielklasse auf. Über einen Verein, bei dem Spaß und Diversität dennoch im Vordergrund stehen.

von Lilian Levai und Julia Zeeh

Zwischen dem Wien er Riesenrad und dem Ernst-Happel-Stadion liegt der STAW-Platz, die Heimstätte des FC Altera Porta. An einem der letzten warmen Herbsttage tragen die drei Frauenteams ihre Heimspiele aus. Während das Regionalligateam bereits gegen Altenmarkt um wichtige Punkte kämpft, sitzen die Spielerinnen der anderen Teams am Spielfeldrand und frühstücken zusammen. Insbesondere bei gemeinsamen Events wie dieser Triple Runde, wo gleich mehrere Altera Porta Teams hintereinander zu Matches auflaufen, können die Spielerinnen ihre Freundschaften, die auch abseits des Fußballfeldes bestehen, vertiefen.  Auch neue Spielerinnen fühlen sich dadurch schnell willkommen und warm aufgenommen. Dass beim FC Altera Porta “der Spaßfaktor in den Trainings und zwischen den Spielerinnen nie aus den Augen verloren wird, obwohl natürlich auch alle erfolgreich sein und gewinnen wollen”, sieht auch Regionalliga-Spielerin Katrin so. Gerade die familiäre Stimmung und der freundliche Umgang miteinander machen für sie das Besondere am FCAP aus.

Sensationeller Aufstieg in die Regionalliga

Altera Porta wurde vor fünf Jahren als reiner Mädchen-und Frauenfußballverein gegründet und zählt mittlerweile um die 120 Spielerinnen. Die vergangene Saison war besonders erfolgreich: als erstes Wiener Team seit sechs Jahren schaffte Altera Porta den Aufstieg in die Regionalliga. Seit der Saison 2015/16 nimmt  Altera Porta daher mit sechs Teams an Meisterschaften teil: an der Regionalliga Süd/Ost, der Wiener Frauen Landesliga, der 1. Klasse Frauen A und mit einer U15, U13 und U11 in Mädchen- und Burschenligen des WFV.

Die jüngste Spielerin ist sechs Jahre alt, die älteste 46. Mit den Worten “Egal wer du bist, wie alt und wie lang du schon spielst, jeder ist willkommen!” beschreibt Sonja, Wiener Liga-Spielerin, die Vereinsphilosophie des FCAP. Genau das ist auch ein wichtiger Anspruch, den der Verein an sich selbst stellt: möglichst vielen Mädchen und Frauen die Möglichkeit zu bieten, Fußball zu spielen. Ganz in diesem Sinne hat der Aufstieg des A-Teams des Vereins dazu beigetragen, dass “mittlerweile 24 neue Spielerinnen ebenfalls wettbewerbsmäßig auf Großfeld Fußball spielen können”, berichtet die Vereinsobfrau und Regionalliga-Spielerin Ines stolz. Darüber hinaus freut sie sich, wie viele andere Spielerinnen auch, nach langer Zeit in derselben Liga gegen andere Teams auf einem höheren Niveau spielen zu können. Die anfängliche Unsicherheit, auf diesem Level nicht bestehen zu können, ist nach dem guten Start in die Saison bereits verflogen. “Da haben sich die Aufsteigerinnen der letzten Jahre viel schwerer getan und das spricht sehr für uns als Spielerinnen, für uns als Team und für uns als Verein”, meint Ines. Der Aufstieg bringt zwar auch längere Anfahrtszeiten und zusätzliche Trainingseinheiten mit sich, diese werden von Spielerinnen wie Katrin jedoch gerne in Kauf genommen: “Man muss öfter seinen inneren Schweinehund überwinden, aber ich finde, man sieht dem Team an, dass das Training sich bezahlt macht.” Auch der Nachwuchs profitiert vom Aufstieg, die jungen Spielerinnen blicken zu den Erwachsenen auf und viele haben das Ziel, auch einmal in den oberen Ligen mitzuspielen.

Reiner Mädchen- und Frauenverein

Der beachtliche Spielerinnenzulauf wirft die Frage auf, wieso viele Frauen und Mädchen statt zu Traditionsvereinen oder bekannten Männervereinen zum jungen Verein FCAP wechseln. Ein wichtiger Faktor ist, dass es sich um einen reinen Mädchen- und Frauenverein handelt. Lara, Spielerin der 1. Klasse, schätzt besonders, dass ihr Team Teil eines ganzen Frauenvereins ist und das Frauenteam nicht, wie so oft, nur als „Anhängsel“ des Männerteams gesehen wird.

Für viele Vereinsmitglieder, wie auch für Alex, Kapitänin des Regionalligateams, spiegelt sich die Offenheit und die daraus resultierende bunte Durchmischung der Spielerinnen bereits im farbenfrohen Logo des Vereins wider. Es bedeutet für sie, dass alle Mädchen und Frauen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihrer Größe und ihrem fußballerischen Niveau herzlich willkommen sind. Egal mit welcher Spielerin man spricht, sie alle erwähnen sofort, dass sie sich aufgrund der familiären Stimmung und dem starken Zusammenhalt zwischen den Spielerinnen so wohl im Verein fühlen. Katrin bestätigt das, wenn sie sagt: „Man fühlt sich immer willkommen und gut aufgehoben. Völlig egal wie alt man ist, wie gut oder wie lange man schon Fußball spielt, es gibt für jede einzelne ihren Platz beim FCAP.“ So groß und divers die Gruppe der Altera Porta Spielerinnen auch ist, gibt es eben auch viele Aspekte, die sie zusammenschweißt und -hält. Mit einem Schmunzeln fasst Regionalliga-Spielerin Christine das folgendermaßen zusammen: “Im Vergleich zu vielen anderen Vereinen, wo am Platz viel geschimpft wird, ist bei uns ein guter Umgangston üblich. Toll ist außerdem, dass man mit den Leuten auch über andere Themen als Fußball sprechen kann, dass die Teamkolleginnen verschiedenste Interessen und spannende Jobs haben, sich zum Teil sozial engagieren und sich trotzdem gemeinsam am Platz den Arsch aufreißen!“ Das ist eine gute Basis, nicht für gemeinsame Erfolge am Fußballplatz, sondern auch für Freundschaften abseits des Platzes.

Schlechter Platz, mangelhafte Infrastruktur

Ein Fußballverein braucht natürlich nicht nur ein funktionierendes Team, sondern auch die nötige Infrastruktur. Der Heimplatz im Prater wird von den Spielerinnen einhellig aufgrund der guten Lage gelobt, aber wegen des veralteten Kunstrasens kritisiert. Landesligistin Sonja scherzt: „In der Sandkiste habe ich schon seit dem Kindergarten nicht mehr so gerne gespielt!“ Auch Katrin wünscht sich einen neueren Kunstrasen und dadurch weniger schmerzhafte Erinnerungen in Form von Schürfwunden. Dafür würde sie gerne auf den Heimvorteil verzichten, dass andere Teams nicht an den sehr harten und alten Platz gewöhnt sind. Dass manche Schiedsrichter Spiele von Männerteams auf diesem Kunstrasen nicht mehr anpfeifen, nehmen Spielerinnen wie Nina schon nur mehr mit einem Schulterzucken hin: “Frauenfußball in Wien hat einfach nach wie vor keine Lobby und dadurch wenig finanzielle Unterstützung, das bedeutet einen hohen finanziellen Beitrag der Spielerinnen selbst. Das und der Zugang zu Trainings- und Spiel-Plätzen ist wohl der deutlichste Unterschied zum Männerfußball.” Viele Spielerinnen kritisieren die zu geringe mediale Berichterstattung im Zusammenhang mit Frauenfußball. Auch Katrin sieht hier Aufholbedarf: „Für eine größere Lobby wäre es hilfreich, auch einmal ein Spiel der Frauen zu übertragen. Ich würde mir wünschen, dass der Frauenfußball mehr Respekt und mehr Unterstützung bekommt. Die WM der Männer hat so gut wie jeder angeschaut, aber dass vor kurzem die Frauenfußball-WM stattgefunden hat, das weiß so gut wie keiner - und ich finde, das spricht leider für sich.”

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die positive Energie und die hohe Motivation aller Vereinsmitglieder dazu beitragen können, das Ansehen und das Niveau des Frauenfußballs in Wien nachhaltig zu steigern.

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INFO:
FC Altera Porta
http://www.alteraporta.at/
Kontakt: mail[at]alteraporta.at
Heimplatz: Sportplatz STAW-Platz | Wien 2., Rustenschacherallee 3-5

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Erschienen auf: die.standard.at am 21. Oktober 2015
LINK: http://derstandard.at/2000024124025/FC-Altera-Porta-oder-Der-andere-Weg

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28.10.2015, diestandard.at | "Die spielen will, soll spielen können“ - DYNAMA DONAU im Porträt

©Natalie Dutter
©Natalie Dutter
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Ein Lokalaugenschein bei den Kickerinnen von Dynama Donau: Fußball ohne Ausschlüsse, der Wunsch nach Erfolg ohne Leistungswahn und ein turbulenter Umstieg in eine andere Liga. Und die ganz alltäglichen Herausforderungen im Frauenfußball.

von Natalie Dutter

Einer der letzten sehr warmen Sommertage, früher Abend. Ein Sportplatz im Herzen des 20. Bezirks, neben dem Fußballfeld ein Container. Im Container ist ein Fernseher, übertragen wird SK Rapid Wien gegen Villareal, UEFA Europa League. Davor sitzen ein paar Spielerinnen von Dynama Donau auf klapprigen Liegestühlen und Sesseln. Sie haben bald Training. Aber vorher lassen sie sich die Abendluft um die Nase wehen und schauen Fußball.

Der Container ist der Vereinsraum der Teams von Dynama und Dynamo Donau. Sie trainieren im Nachwuchszentrum des First Vienna FC und haben den Container organisiert um Trainingsmaterialien, Trophäen und Fotos, sowie einen Kühlschrank mit Getränken und eben jenen Fernseher unterzubringen. Daneben, unter einem Nussbaum, sind ein paar Bänke und ein Tisch aufgestellt. Ein paar Meter weiter sind die Hochbeete der Sektion Garteln, daneben Geräte  an der Hinterwand des Verwaltungsgebäudes.

Eine Gruppe verrückter, unterschiedlicher Frauen

Als Team will Dynama Donau Frauen die Möglichkeit bieten, Fußball zu spielen und zur Sichtbarmachung von Frauen im Fußball beitragen. Jede Form der Diskriminierung (wie Sexismus, Rassismus oder Homophobie) wird abgelehnt und die Spielerinnen verstehen sich als feministisch und antifaschistisch. Wer einverstanden ist, ist gern gesehen. Auch als Zuschauer_in.

Die Haltung des Teams drückt sich in der gesamten Vereinsstruktur aus. Verbindliche Entscheidungen werden am Plenum einmal im Monat getroffen, darüber hinaus wird über einen Mail-Verteiler kommuniziert. Je Saison werden die Mitgliedsbeiträge festgelegt. Wenn eine knapp bei Kasse ist, kann sie später zahlen oder einen kleineren Betrag oder sich in anderer Form einbringen. Der Anspruch ist: die spielen will, soll spielen können.

Auch die Diversität der Spielerinnen spiegelt diese Haltung wider. Eine große Gemeinsamkeit betont Steffi David (Sturm), Torschützin beim Sieg gegen SV Wienerfeld 1b: „Das ist die Liebe zum Fußball. Die verbindet.“

Umstieg in eine andere Liga

Seit der Gründung 2010 war Dynama mit wechselndem Erfolg in der DSG, der Diözesan Sport Gemeinschaft, vertreten. Dort finden die wöchentlichen Spiele auf Kleinfeld mit 5 Spielerinnen plus Torfrau auf der Marswiese im 17. Bezirk statt. Diese ist schwer erreichbar und nur wenige, eingefleischte Fans schaffen den weiten Weg. Mit ein Grund für die Kickerinnen von Dynama im Sommer 2015 die Liga zu wechseln und in der 1. Klasse A des Wiener Fußballverbandes einzusteigen. Der Hauptgrund aber: endlich „richtig“ Fußball spielen! Am Großfeld.

Die Gegnerinnen in der 1. Klasse A sind meist zehn bis zwanzig Jahre jünger und nicht selten das B- oder C-Team eines anderen Vereins. Bedingt durch die wenigen Ligen, spielen die Frauen auf sehr unterschiedlichem Niveau. Da trifft ein „Hobbyteam, das nur in Ruhe kicken möchte, auf ein saugutes Nachwuchsteam am aufsteigenden Ast“ um mit den Worten von Niki Staritz (Mittelfeld) zu sprechen.

Dynama ist zwar kein Nachwuchsteam, aber „am aufsteigenden Ast“ und durchläuft gerade einen unheimlichen Entwicklungsprozess. Im letzten Jahr hat sich das Team für den Ligaumstieg entschieden und einen Trainerwechsel durchlebt. Einige neue Spielerinnen sind dazu gekommen, die Ziele verschieben sich.

Das Großfeld bedeutet längere Laufstrecken und Spielzeiten sowie höhere taktische Anforderungen. Das Tor ist wesentlich größer und die Spieleinsätze sind häufiger. Ermöglicht wird ein schöner Spielaufbau, der am Kleinfeld nicht nötig ist, freut sich Steffi David.

Ein Team mit Potential

Die ersten Trainingsspiele auf Großfeld (im Frühling 2015) vor dem Umstieg waren laut Aurélie M., Verteidigung, „ein Desaster“. Ein paar Monate später haben die Spielerinnen Positionen, eine Strategie und Struktur im Spiel. Die Entwicklung ist beeindruckend. Und sie haben Ziele. Verlieren reicht nicht mehr. Nach dem ersten  Spiel gegen die Vienna 1b in der Herbstrunde sind sie mit dem 0:2 am Heimplatz noch zufrieden. Die Erwartungen waren sehr viel niedriger. Aber die Spielerinnen merken: „Da geht was, da ist Platz nach oben!“

So sieht das auch ihr Trainer Alex Brunner. Er unterstützt das Team wo er kann und sorgt für Struktur und Regelmäßigkeit. Die Erfolge bestätigen sein Engagement. In den wenigen Monaten der Zusammenarbeit ist viel weitergegangen und seine Zufriedenheit mit dem Team und den Entwicklungen ist spürbar.

Eine Hoffnung war es, mit dem Ligaumstieg neue Teams, Fußballerinnen und Plätze kennenzulernen. Bezüglich der Plätze wurde diese Hoffnung erfüllt: Die Matches finden auf den Trainingsplätzen der Teams statt. Leider sind diese oft nicht zentraler als die Marswiese, dafür quer über die Stadt verteilt. Die unterschiedlichen Untergründe sind oft ungewohnt und herausfordernd. Leider teilen wenige Teams eine besondere Schwäche der Dynama-Kickerinnen: nach dem Spiel mit Getränken und Würstel in der Platzkantine abhängen. Also beschränkt sich das Kennenlernen meist auf das Spielverhalten am Feld.

Die Liga bringt Veränderungen und stellt Bedingungen an das Team. Es braucht Geld für die zusätzlichen Platzmieten und Schiedsrichter_innen. Ein Laptop und herzeigbarer Erste-Hilfe Koffer werden benötigt, ebenso Auswärtsdressen und Präsentationsanzüge – für den „Team-Spirit“ unerlässlich. Dabei hat der Verein kaum genug Mittel um die finanziellen Einsätze für das Jubiläumsfest vorzustrecken. Weiters braucht es saubere, warme Duschen mit verlässlichen Fenstern und ausreichend Klopapier. Die Gästinnen sollen es gut haben am Heimplatz von Dynama.

Dynama Donau und die Sponsor_innen

Die Kickerinnen sind anspruchsvoll: Nicht jedes Unternehmen kommt für Sponsoring in Frage. Es muss zur Haltung des Teams passen und die Frauen möchten nicht für White-, Green- oder Pink-Washing herhalten. Banken und politische Parteien sind von vornherein ausgeschlossen. Große Konzerne sind höchstens dann in Ordnung, wenn sie im öffentlichen Interesse wirtschaften.

Niki Staritz hat genauer recherchiert: Die stadtnahen Unternehmen sponsern gerne Bundesligavereine – Männerbundesligavereine. Keiner von diesen Vereinen hat ein Frauenteam, somit kommt die Unterstützung ausschließlich Männern zu Gute. Auch die Sportförderung erreicht kaum Frauenteams. Aber Erfolge stellen sich nun einmal leichter ein, wenn finanzielle und sonstige Ressourcen zur Verfügung stehen. Trainer Alex Brunner bemängelt die Bereitschaft der Medien über Frauenfußball zu berichten. In den Sportmagazinen des ORF, insbesondere dem „Sport aktuell“ zwischen ZIB und Hauptabendprogramm, bleiben die Frauenligen quasi unerwähnt. Bei der Wahl der besten Kicker_in war der Fußballer des Jahres sieben Minuten lang im Bild. Sein weibliches Pendant bekam diese Aufmerksamkeit unglaubliche vier Sekunden. Solange der Frauenfußball in den Medien marginalisiert ist, werden Sponsor_innen nicht reagieren und ohne finanzielle Ressourcen ist es schwierig, den Frauenfußball weiterzuentwickeln.

Diese Spirale hat mehrere Ebenen. Denn coole Kickerinnen in den Medien bringen wiederum mehr Frauen und Mädchen in die Vereine. Mehr Spielerinnen bedeuten eine größere Lobby, das heißt bessere Chancen auf gute, zentrale Plätze. Davon gibt es zu wenige in Wien. Auch Vereine aus den unterschiedlichen Communities migrierter Menschen sind diesbezüglich strukturell benachteiligt, berichtet Niki Staritz. Sie wünscht sich mehr Frauen, die kicken – in den Schulen, Vereinen, Käfigen. Dann gäbe es kein Problem mehr mit den unterschiedlichen Niveaus der Teams in den Ligen, diese würden sich besser ausdifferenzieren.

Um mit einem Dynama-Aufruf zu schließen: Gemma kicken!

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INFO:
Dynama Donau
http://dynamadonau.at/
https://www.facebook.com/dynamo.donau
Kontakt: frauenfussballteam[at]gmail.com
Heimplatz: Vienna Nachwuchszentrum | Wien 20., Spielmanngasse 8

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Erschienen auf: die.standard.at am 28. Oktober 2015
LINK: http://derstandard.at/2000024563873/Dynama-Donau-Die-spielen-will-soll-spielen-koennen

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28.10.2015, Sportzeitung & 10.11.2015 Augustin & 25.11.2015, diestandard.at | „Eine Handballmannschaft und ich, so hat es eigentlich begonnen“

In einem Gespräch mit Gerhard und Frieda Traxler erzählen sie mir von den Anfängen des Frauen- und Mädchenfußballvereines USC Landhaus und seinem erfolgreichen, wie auch anstrengenden Werdegang.

von Nina Langer

In der Nähe der gut besuchten Großjedlersdorfer Amtsgasse, wo sich ein Heuriger an den nächsten reiht und inmitten von Wohnhaussiedlungen, befindet sich das Heimatstadion und Trainingszentrum des erfolgreichsten österreichischen Frauenfußballvereines, USC Landhaus. Über einen Seiteneingang in der Dragoungasse gelangen jede Woche über 90 Spielerinnen in das Vereinszentrum. Vor rund 47 Jahren wurde der Grundstein dafür gelegt, als Gerhard Traxler, Gründervater und seither Obmann, gemeinsam mit dem damaligen Obmann des Männerfußballteams Walter Dragoun beschloss, das Frauenfußballteam in die Sektion aufzunehmen. Dadurch konnte USC Landhaus am 1. Oktober 1968 den offiziellen Spielbetrieb aufnehmen.

Frauenfußball gegen die ökonomische Krise

Doch bereits vor 1968 gab es zahlreiche Überlieferungen von „Damen“, die Fußball spielten. Die Berichte beschränkten sich allerdings auf den von Männern für Männer inszenierten Frauenfußball in der Zwischenkriegszeit. Die mediale Popularisierung des Frauenfußballs sollte sowohl 1923/24 als auch 1935 die ökonomische Krise des Männerfußballs kaschieren und der Unterhaltung dienen. Die erste Initiative zur Etablierung des Frauenfußballs in Wien startete die Wochenzeitung „Der Montag mit dem Sportmontag“.
Dazu wurden rund 150 Interessentinnen eingeladen, von denen 43 ausgewählte Frauen zum Theoriekurs zugelassen wurden, um anschließend unter der Leitung des bekannten Fußballspieler Ferdinand Swatosch zu trainieren. Es wurde laufend über die Fortschritte geschrieben, doch das großangekündigte Match wurde nie ausgetragen und die Berichterstattung endete im Mai 1924 abrupt. Abseits der Medien fanden immer wieder Jux-Matches, in denen Frauen mitspielten auf Jahrmärkten und Sportfesten statt. Erst 1935 bekam der Frauenfußball wieder mehr Aufmerksamkeit und im Gegensatz zu 1923/24 entstanden gleich mehrere Frauenfußballteams.

Das erste öffentliche Spiel lockte über 3.000 Zuschauerinnen und Zuschauer an und übertraf damit bei weitem die Erwartungen der Veranstalter. Nach der Gründung einer Österreichischen Damenfußball-Union (ÖDU), begann im April 1936 die erste Meisterschaft, welche im Jahresrhythmus ausgetragen wurde. Dies stieß allerdings kaum auf mediales Echo und das erhoffte Publikum blieb aus. Die Meisterschaften fanden 1938 mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ein jähes Ende. In den 1950er Jahren diente der Frauenfußball weiterhin primär der Unterhaltung eines chauvinistischen Publikums, sowie der Umsatzsteigerung der Sportveranstalter.

Gründung trotz Verbot

Ab 1963 lässt sich eine andere Zugangsweise zu dem Sport erkennen. Erstmals formierten sich Teams, wo der Sport und die Leistung im Mittelpunkt standen und nicht die mediale Repräsentation. Gerhard Traxler war an diesem Prozess von Beginn an beteiligt. Auf die Frage was ihn dazu bewogen hatte, nannte er seine Zwillingsschwester. Sie habe leidenschaftlich gerne Fußball gespielt und nutzte die Gelegenheiten mit anderen etwa im Stadionbad zu spielen. Da es keine österreichischen Frauenfußballteams gab, organisierten die beiden ein Fußballtraining für die Handballmannschaft, in der seine Schwester aktiv war. Allerdings „war der Handballverein darauf stinksauer auf uns, weil viele bei uns bleiben und nicht Handball, sondern Fußball spielen wollten.“ Mit dem Großteil des Handballteams und noch anderen interessierten Frauen trainierte das inoffizielle Team zu Beginn mit dem Namen „Schwarz-Weiß Wien“.

Frauenfußball wurde bis 1971 vom Österreichischen Fußball-Bund verhindert, in dem Frauenfußballteams auf Verbandsplätzen nicht spielen durften. Wer dagegen verstieß, lief Gefahr die Förderung von den zuständigen Verbänden zu verlieren. Es „ist also einem Verbot gleich gekommen“, kommentiert Gerhard Traxler. Mit der Aufnahme des Frauenteams in den Klub von Walter Dragoun, wurde das Team offiziell angemeldet und erhielt den Namen USC Landhaus. Da es keine gegnerischen Teams in Österreich gab, wurden „ schon im Vorfeld Mannschaften lukriert und wir haben begonnen in der Tschechoslowakei zu spielen. Dort haben wir am Anfang natürlich verloren, ist eh klar, aber wir haben eigentlich sehr viel gelernt und die haben genug Geld gehabt und uns immer eingeladen.“

Integration ohne Förderung

1968 etablierte sich der „Österreichische Damenfußball-Verband“ (ÖDFV) und zahlreiche Frauenfußballteams wurden gegründet. Der ÖDFV war vor allem an einer medienwirksamen Vermarktung interessiert, was USC Landhaus und fünf weitere österreichische Teams stark kritisierten. USC Landhaus lehnte die sexistische Vermarktung ab, was dazu führte, dass sie nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielten. Der Gegensatz spitzte sich weiter zu, verlor aber seine Brisanz, als die Verhandlungen mit dem ÖFB 1971 zum Abschluss kamen. In diesem Jahr kam es zur Aufhebung des Platzverbotes für Frauen und die Frauenfußballteams wurden in den ÖFB eingegliedert. Noch im selben Jahr gab es den Testlauf für eine alle Bundesländer übergreifende Meisterschaft. Nach erfolgreicher Durchführung übernahm der ÖFB das Konzept und ließ 1972/73 die erste österreichische Frauenfußballmeisterschaft und den ersten Cupbewerb austragen.

Doch die mediale und finanzielle Unterstützung des ÖFB blieb aus. Die anfallenden Kosten bezüglich Reisen, Platzmieten und Dressen wurden von den Funktionärinnen und Funktionären, sowie den Spielerinnen getragen, was eine hohe finanzielle Belastung darstellte. Der USC Landhaus verfügte zu Beginn über einen recht kleinen Kader von 11 bis 12 Spielerinnen. Um mehr Interessentinnen zu gewinnen: „sind wir bei einem Länderspiel vor dem Stadion gestanden und haben gleich Flugzetteln an die Mädchen verteilt.“ Seine Ehefrau Frieda Traxler ergänzt: „Wenn wir eine auf der Straße gesehen haben, die ein bisschen sportlich ausgesehen hat, haben wir gefragt ‚willst du nicht Fußball spielen?‘ Immer wieder ist eine hängen geblieben. Das war schon ein Engagement sonst hätte es sich nicht entwickelt.“

Von anderen Ländern lernen

Ohne diesen großen persönlichen Einsatz, den die beiden nun schon mehrere Jahrzehnte leisten, wären die 12 Meistertitel, 11 Cupsiege und der eine Supercupsieg nicht möglich gewesen. Dabei haben die Traxler, das Interesse am Frauenfußball nicht verloren, doch es gab Momente, wo der Frust überwog und Zweifel aufkamen, ob man noch etwas bewegen kann. Dies sei ihnen vor allem im Ausland bewusst geworden. „Wir haben ja sehr viel im Ausland gespielt, da haben wir eigentlich gehört wie es denen geht und was die Verbände dort alles machen, (…) wir wollen uns gar nicht mit den großen Ländern vergleichen. Es gibt aber auch kleinere Länder, die mehr gemacht haben. Da war dann schon der Frust da. Wie sich der Frauenfußball in Österreich entwickelt hat ist sehr zäh.“ Die Reisen ins Ausland schafften nicht nur Bewusstsein dafür, was in Österreich nicht gut lief: „Wir waren ja in vielen Ländern, auch in Ostasien. Das waren dann die ganzen Highlights für uns. Daran zerrst du natürlich bis an dein Lebensende. Da waren Erlebnisse dabei die kann man sich nie im Traum erträumen.“
Für 2018, zum 50jährigen Bestehen des Vereines, werden große  Pläne geschmiedet, um noch mehr Mädchen und Frauen für den Fußball zu begeistern und USC Landhaus zurück an die Spitze der Bundesliga zu bringen. Vor allem durch die Kooperation mit dem Wiener Austria erhoffen sie sich eine Professionalisierung des Frauenfußballs. Wie sich das auf die Strukturen von USC Landhaus auswirkt, wird sich noch zeigen. Von Stagnation im Frauenfußball kann auf jeden Fall keine Rede sein!

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INFO:
USC Landhaus
http://www.usclandhaus.at/
Kontakt: usclandhaus.traxler[at]chello.at
Heimplatz: Wien 21., Jochbergengasse

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Erschienen am 28. Oktober 2015 in der Sportzeitung, am 10. November 2015 in der Straßenzeitung Augustin (Nachlese hier) und auf  die.standard.at am 25. November 2015
LINK: http://derstandard.at/2000026146102/Eine-Handballmannschaft-und-ich-so-hat-es-begonnen

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3.11.2015, Sportzeitung | Inspirieren statt Instruieren - Der FC ALTERA PORTA-Nachwuchs

Fußball statt Ballett: Der FC Altera Porta bildet die Ball-erinas von heute aus. Über die Nachwuchsarbeit eines Vereins, der versucht, den Spagat zwischen leistungsorientierten Strukturen und reinem Freizeitspaß zu meistern, sodass jedes Mädchen ihren Zugang zum Fußball finden kann.

von Lilian Levai und Julia Zeeh

Fußball statt Ballett: Der FC Altera Porta bildet die Ball-erinas von heute aus. Über die Nachwuchsarbeit eines Vereins, der versucht, den Spagat zwischen leistungsorientierten Strukturen und reinem Freizeitspaß zu meistern, sodass jedes Mädchen ihren Zugang zum Fußball finden kann.

Es ist 12 Uhr. Aufgeregt und stolz schauen Ayumi und ihre Teamkolleginnen der U13 vom FC Altera Porta zu den Spielerinnen des A-Teams auf. Auch wenn die Mädchen später das eigene Spiel gegen die Burschen von Torpedo 03 verlieren, erinnert sich Ayumi noch heute begeistert an das Einlaufen: “Es war echt cool, mal neben den Riesen am Feld stehen zu dürfen”. Alice, Mutter der 12-jährigen Jaqueline, erzählt, dass es ihrer Tochter gerade wegen diesem engen Zusammenhalt zwischen “Großen” und “Kleinen” bei Altera Porta so gut gefällt: “Jaqueline liebt es, dass die älteren Spielerinnen immer eine Umarmung für sie haben”.

Nachhaltige Nachwuchsarbeit

Auch Nachwuchstrainerin Nora ist es wichtig, innerhalb des Vereins Altera Porta die Begeisterung für den Mädchenfußball zu fördern und unter anderem durch das Schaffen eines familiären Umfelds fußballbegeisterte Mädchen willkommen zu heißen. Dabei sollen die Kinder sowohl die Möglichkeit haben, sich mit viel Spaß auszutoben, als auch Grundlagen von Technik und Taktik im Fußball altersgerecht auszuprobieren. Ihr Motto lautet dabei “Erlebnis vor Ergebnis bzw. Inspirieren statt Instruieren”. Stephanie, Nachwuchsleiterin des FCAP, hebt hervor, dass sie die Mädchen nicht nur in ihrer fußballerischen sondern auch in ihrer persönlichen Entwicklung zu selbstbewussten jungen Frauen begleiten möchte.

Das Angebot konnte mittlerweile von einer anfangs gemischten Nachwuchsgruppe so ausgebaut werden, dass Mädchen nun in einer U9, U11, U13 und U15 als Mädchenteams trainieren und an Meisterschaften und Turnieren teilnehmen können. Ein Konzept für den Nachwuchs des FC Altera Porta zu schaffen und “den Spagat zwischen leistungsorientierten Strukturen und reinem Freizeitspaß zu meistern”, braucht enorm viel Energie und Ressourcen. “Unsere Trainer/innen sind hervorragend ausgebildet und engagieren sich ehrenamtlich für ihre Teams und den Verein. Die Ausbildung der Mädchen ist für sie eine Herzensangelegenheit”, sagt die Nachwuchsleiterin dankbar.

Ziel der Nachwuchsarbeit des FCAP ist es nicht nur, viele Mädchen für Fußball zu begeistern, sondern auch, dass diese möglichst lange bleiben und sich fußballerisch weiterentwickeln.

Am Ball bleiben

Gerade diese Option, dass Mädchen nach Erreichen des 15. Lebensjahres weiter wettkampfmäßig Fußball spielen können, ist auch heute noch etwas Besonderes. In Vereinen, wo Mädchen mit Buben gemeinsam trainieren, ist ab diesem Alter Schluss. Fast als könne er es nicht glauben, blickt Franz auf die Fußballkarriere seiner nun 15-jährigen Tochter Denise: “2014 hat sie in der U13 angefangen und heute spielt sie im A-Team Regionalliga. Ich bin so stolz auf sie und auch dankbar, dass sie so toll von allen aufgenommen wurde!” Eva, die bereits mit 15 im A-Team debütierte, freut sich zwar über diese Chance, würde sich aber einen sanfteren Übergang zu den Frauenteams – etwa durch das Schaffen von U17- und U19-Ligen – wünschen. Auch Nora sieht diese Situation kritisch: “Dieser Übergang ist mir zu früh, die Mädchen fangen im Schnitt viel später an mit Fußball und spielen dann viel früher in den Frauenteams. Wir verschenken hier noch sehr wertvolle Ausbildungszeit, die den Mädchen, den Vereinen aber auch dem Frauenfußball gut tun würde.”

Mädchen spielen gegen Buben

Viele Eltern freuen sich, dass ihre Töchter beim FCAP und somit in einem reinen Mädchen- und Frauenverein spielen, denn Mädchen haben es in Bubenteams nicht immer leicht. Jaquelines Mutter fallen beim Erzählen viele erschreckende Geschichten ein - Geschichten von ehemaligen Trainern, die vor den Mädchen zu den Buben “Du rennst ja wie ein Weib!” sagten und von jungen Fußballerinnen, die nicht an Teambesprechungen teilnehmen und nicht duschen konnten, weil es keine Kabine für sie gab. “Seit Jaqueline in einem reinen Mädchenteam beim FCAP spielt und der Leistungsdruck nicht mehr so stark ist, fiebert sie nur so auf die Trainings hin und freut sich jede Woche auf diese Stunden”, ergänzt Alice.

Auch die Kinder selbst berichten von vielen Situationen, die schockieren und zeigen, dass Mädchenfußball bis heute mit sehr vielen Vorurteilen zu kämpfen hat. Die 10-jährige Michelle findet es “schwierig und blöd”, dass sie in ihrer Liga gegen Bubenteams spielen müssen. Erst vor kurzem wären sie von ihren Gegnern mit den Worten “Mädchen können nicht Fußball spielen” verspottet und sogar angespuckt worden. Wenn dann noch die Eltern der Gegner ihre Söhne bitten, sich trotz der hübschen Mädchen aufs Spiel zu konzentrieren, fühlt sich Ayumi besonders “veräppelt”.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass sich die meisten Mädchen Ligen wünschen, in denen sie nicht gegen Buben antreten müssen. Hierfür fehlen aber derzeit noch die Strukturen. Nora fände es wichtig, dass es verschiedene fußballerische Angebote gäbe: “Es gibt sicher auch einige Mädchen, die sich in mehrheitlichen Bubenteams wohlfühlen, aber es gibt auch viele, die sich dort überfordert fühlen und eigentlich keine Chance haben, herauszufinden, ob Fußball ihre Sportart werden kann.”

Flexiblere Ligen

Stephanie merkt an, dass die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt hat, dass der reguläre Ligabetrieb mit Spielen an jedem Wochenende eher abschreckend auf viele Eltern wirke. “Was bei den Burschen als ganz “normal” angesehen wird, wird von den Eltern der Mädchen oft kritisch hinterfragt”, stellt sie fest. Um diese Berührungsangst abzumildern, hat der FC Altera Porta mit dem Red Rooster Cup versucht, regelmäßige Spielmöglichkeiten für Mädchen in und um Wien aus bestehenden, neuen oder Hobbyvereinen und auch Schulteams zu schaffen, die sich personell und strukturell keinen Ligabetrieb zutrauen. Dieses Angebot ist bisher auf viel Begeisterung und regen Zuspruch gestoßen.

Auch durch das Projekt “Mädchenfußball im Turnunterricht” bemüht sich der FC Altera Porta in Zusammenarbeit mit Wiener Schulen, mehr Mädchen zu motivieren, sich diesem Sport anzunähern. Nora bemängelt dennoch, dass der Einstieg in den Fußball für Mädchen, aber auch für deren Eltern noch nicht attraktiv genug sei. Derzeit würde das fußballerische Angebot zu wenig berücksichtigen, dass es sowohl Mädchen gibt, die sehr früh mit dem Fußballspielen beginnen, als auch solche, die erst sehr spät anfangen. Um dieser Bandbreite gerecht zu werden, bräuchte es aus Noras Sicht flexiblere “Ligen”, die auch in Turnierform gespielt werden. Wichtig sei dabei, dass alle Kinder eingesetzt werden, durch den Turniermodus Gleichstarke unter sich spielen und es Kindern so ermöglicht wird, zu vielen Ballkontakten und Erfolgserlebnissen zu kommen. Ihrer Meinung nach könnte das ein Modell sein, die Begeisterung für Fußball – insbesondere bei ganz jungen Mädchen – noch zu steigern. Bei Mädchen wie Anna ist diese Begeisterung bereits zu spüren: “Ohne Fußball könnte ich nicht leben! Jedes Mal, wenn ich meine Fußballschuhe anziehe und aufs Feld gehe, werde ich zu einem anderen Menschen, vergesse alles andere und bin der glücklichste Mensch der Welt.”

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INFO:
FC Altera Porta
http://www.alteraporta.at/
Kontakt: mail[at]alteraporta.at
Heimplatz: Sportplatz STAW-Platz | Wien 2., Rustenschacherallee 3-5

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©Georg Kinast
©Georg Kinast

4.11.2015, diestandard.at & 11.11.2015, Augustin | "Dass wir unsere Schuhe bezahlen müssen, können die Männer gar nicht verstehen"

Über die Wiener Sportklub Frauen und was es heißt, Teil eines Kultvereins mit wenig Geld zu sein

von Eric Deset und Pete Prison

Trotz der vorherrschenden Wien-Wahl finden sich am 11. Oktober ein paar Fußballfans im tiefsten Ottakring wieder. Rund hundert Zuseher*innen lassen sich das Spiel im Trainingszentrum des Wiener Sportklubs in der Erdbrustgasse nicht entgehen. Hier treffen die beiden Frauenteams des Wiener Sportklubs auf jene des First Vienna Football Clubs – in Anlehnung an das traditionell gut besuchte und beliebte Duell der jeweiligen Männerteams wurde auch dieses Spiel als Derby of Love angekündigt.

Erste Halbzeit, es steht 0:0. Der Sportklub kann sich einen Freistoß aus guter Distanz erarbeiten. Einige Fans der Friedhofstribüne sind vor Ort und zeigen auch für das Frauenteam ihren solidarischen Support. Die obligatorischen Schlüsselbünde werden aus ihren Hosentaschen gezückt und ein geisterhaftes Klirren schallt über den Platz. Eine Spielerin nimmt Anlauf, schießt, der Ball prallt mit Karacho an der gegnerischen Mauer ab und die Schlüssel werden wortlos wieder eingepackt. Ein Transparent der Friedhofstribüne ziert die eiserne Absperrung des spärlich besuchten Spielfeldrands, ein Refugees Welcome Banner ist auf dem Zaun hinter dem Tor angebracht. Die bekannten Stadiongesänge der Sportklub und Vienna Fans bleiben allerdings aus.

Über die Fans

„So viele Zuschauer*innen wie beim Derby gibt’s sonst nie“, zeigt sich Chris Peterka, Gründer und Sektionsleiter der WSK Frauen mit dem heutigen Fansupport durchaus zufrieden. Fans die zu jedem Match kommen, so meint er, kann man an einer Hand abzählen. Somit lässt sich hier dasselbe Phänomen wie bei anderen Frauenfußballteams feststellen: Die Spiele finden vor wenigen oder gar keinen Zuseher*innen statt. Peterka hofft hier auf einen Schneeballeffekt. „Die Friedhofstribüne zum Beispiel besteht auch nur, weil Leute irgendwann begonnen haben eine Fankultur einzubringen. Doch trotzdem sind mehr als 80% der Fans Männer. Das ist nichts besonderes, das ist bei den anderen Vereinen genauso. Aber der Diskurs über weibliche Fans ist ein anderer. Das heißt allerdings nicht, dass ein größeres Interesse an Frauenfußball besteht.“

Angesichts der Entwicklungen im Frauenfußball in den letzten Jahren zeigt sich der Sektionsleiter optimistisch. Das Niveau hat sich extrem gesteigert, in den Ligen mitzuhalten ist nicht mehr so einfach wie noch vor wenigen Jahren. „Man darf nicht vergessen, dass Frauenfußball erst seit 1982 bundesweit ausgetragen und damit vom ÖFB offiziell anerkannt wurde.“, weist Peterka auf die kurze Geschichte des organisierten Frauenfußballs hin. Heute gibt es einen enormen Zulauf von Mädchen und Frauen die Fußball spielen wollen, und auch das Interesse der Zuseher*innen – so hofft er – wird sich in den nächsten Jahren im selben Ausmaß steigern. Die hohen Einschaltquoten bei der Frauenfußball-WM in Kanada in diesem Jahr weisen jedenfalls auf ein größer werdendes Interesse der Öffentlichkeit hin.

Das Team

Mehr Wertschätzung und Unterstützung wünscht sich auch WSK Spielerin Franziska. Seit ihrem 5. Lebensjahr spielt die Studentin, die durch ihren Vater zum Ballsport gekommen ist, mit Begeisterung Fußball. Für den WSK kickt sie seit einem Jahr, davor stand sie für die Vienna auf dem Platz. Die familiäre Atmosphäre, das gesellschaftspolitische Engagement und gemeinsame Interessen im Team abseits vom Fußball haben sie damals zu einem Wechsel bewogen. In den beiden Teams des Wiener Sportklubs spielen Frauen zwischen 14 und 40 Jahren mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Gemeinsam ist ihnen die Freude am Fußball, und so wird auch bei Neuzugängen nicht nur auf die Leistung geachtet, sondern auch darauf, wie gut die Spielerin ins Team passt. Die Kampfmannschaft spielt derzeit in der Wiener Landesliga, die 1b in der 1. Klasse A. Ein Nachwuchsteam besteht derzeit nicht.

Leistung und Anerkennung

Gegründet wurde die WSK Frauensektion durch Chris Peterka, selbst langjähriger Fan des Wiener Sportklubs und ehemaliger Leiter der Frauenteams von ASK Erlaa und Wiener Viktoria, im Mai 2011. Zu Beginn musste alles aus seiner eigenen Tasche finanziert werden. Auch heute noch gibt es von Seiten des Vereins keinen finanziellen Beitrag für die Sportklubfrauen. Denn auch das Frauenteam leidet unter der schlechten finanziellen Situation des Wiener Sportklubs. Erst kürzlich hat Manfred Tromayer, der Präsident des Vereins, angekündigt, dass der WSK mit Dezember möglicherweise zahlungsunfähig sein wird, sollte sich die Lage nicht verbessern. So ist derzeit auch nicht zu erwarten, dass vom Verein Geld in die Frauenteams investiert werden kann. Lediglich der Platz wird zur Verfügung gestellt. Alles andere, von Schuhen, Bällen und Trainingsmaterialien bis zu den Trainern, Schiedsrichter*innen und Gebühren wird von den Spielerinnen selbst und Spenden aus dem Umfeld finanziert. Mittlerweile wird auch ein Mitgliedsbeitrag eingehoben, um die Kosten des Betriebs zu decken. Nicht leistbar sind auch die bei den Männerteams selbstverständlichen Masseur*innen und Teamärzt*innen. Da der Werbeeffekt im Frauenfußball gleich Null ist, ist eine Finanzierung durch zusätzliches Sponsoring quasi unmöglich. Immerhin wurden die neuen Dressen von den Sportklubfans, den Freund*innen der Friedhofstribüne, und Dornbach Networks gespendet. Oft ist der große Unterschied zwischen den Bedingungen für Männer und Frauen sogar im eigenen Verein nicht bekannt. „Dass wir unsere eigenen Fußballschuhe kaufen müssen, konnte ein männlicher Spieler gar nicht glauben! So etwas ist bei den Männern unvorstellbar.“, erzählt WSK Spielerin Franziska.

Duschfantasien statt Unterstützung

Chris Peterka steckt trotz der finanziellen Not auch heute noch 30-45 Wochenstunden in den Verein. Für wenig Geld, aber nicht umsonst: Drei Meistertitel und einen Cupsieg konnte das Fußballteam in den ersten vier Saisonen schon nach Hause bringen, der Aufstieg in die Frauen 2. Liga (die zweithöchste Spielklasse der Frauen wird in Österreich in zwei Regionalligen ausgetragen – Ost/Süd und Mitte/West) ist für die Kampfmannschaft in diesem Jahr in greifbarer Nähe, konnten sie doch bisher alle Meisterschaftsspiele dieser Saison für sich entscheiden. Die Frauen geben auf dem Platz alles und haben großen Spaß am Spiel, auch wenn das Interesse und die Unterstützung durch den Verein ausbleiben. Drei Mal in der Woche wird fleißig trainiert, dazu kommt ein Spiel am Wochenende. Für ein Hobbyteam wird hier viel Leistung und Engagement gefordert, dennoch profitiert die Frauensektion wenig bis gar nicht von der PR und Kontaktarbeit des Vereins, sondern kümmert sich neben den Trainings und Spielen auch selbst um ihre Außenwirkung. Die Homepage aktualisieren sie eigenständig, Spielankündigungen und Ergebnisse werden von ihnen oder dem Sektionsleiter auf sozialen Plattformen kommuniziert. Und auch wenn sie selbst den Vergleich mit dem Männerfußball ablehnen, so ist doch sichtbar, dass sie trotz ihres Erfolgs und ihrer erbrachten Leistung nur wenig sichtbare und spürbare Anerkennung bekommen. Den Spielerinnen ist wichtig, hier keine Konkurrenz zwischen sich und dem Männerteam aufkommen zu lassen; vielmehr sind sie stolz darauf, Teil des Wiener Sportklubs zu sein. Sehr wohl aber wünschen sie sich eine bessere Zusammenarbeit und mehr aktives Interesse von Seiten des Vereins.

Ärgerlich ist aber eher die geringe Anerkennung, die sie für ihr Engagement und ihre Leistungen auch außerhalb des Vereins erhalten. „Es kommt durchaus vor, dass uns unterstellt wird, doch sicher keine Abstöße zu können oder die Regeln nicht zu kennen, ohne uns jemals spielen gesehen zu haben. Und das Interesse am Frauenfußball reduziert sich dann auf Phantasien rund um die Frauenduschen“, erzählen die Spielerinnen über männlichen Reaktionen auf ihr Hobby.

Fußballprofi will Franziska nicht werden. Das ist wenig attraktiv, denn selbst in der Bundesliga ist die Bezahlung gering, der Leistungsdruck aber hoch. „Das Gute daran ist, dass es im Frauenfußball aber wenigstens nicht immer ums Geld geht. Kommerzialisierung des Fußballs ist bei den Frauen keine ernsthafte Problematik.“, sieht Franziska das Gute im Schlechten. Was sie sich für die Zukunft des Frauenfußball wünscht? „Dass endlich dieser ewige Vergleich mit dem Männerfußball aufhört im Sinne dessen, dass unser Spiel als eigenständig gesehen wird und nicht mit Blick darauf, ob es gleich oder gleich gut ist wie das der Männer “.

Mit zwei späten Toren durch die WSK Frauen geht das Derby of Love zu Ende. Während die Spielerinnen im Hintergrund von ihren Fans umjubelt werden, sammelt Chris Peterka am Spielfeldrand Spenden ein.

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INFO:
Wiener Sportklub Frauen
frauen.wienersportklub.at
Kontakt: peterka.christian[at]utanet.at (Sektionsleiter)
Heimplatz: Trainingszentrum Wiener SK | Wien 16., Erdbrustgasse 4

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Unter dem Titel "Das Interesse an Frauenfußball reduziert sich auf Frauenduschen" am 4. November 2015 auf die.standard.at erschienen.

LINK: http://derstandard.at/2000025061015/Das-Interesse-an-Frauenfussball-reduziert-sich-auf-Frauenduschen

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10.11.2015, Sportzeitung & 3.12.2015, MALMOE | „It’s fucking political!“

Dynama Donau - Über ein Fußballteam, politische Ansprüche und Denkprozesse in der Platzkantine. Zu Besuch bei Dynama Donau.

von Natalie Dutter

Training in der Spielmanngasse

Trainingsbeginn am Kunstrasenplatz. Die Frauen trudeln auf der Osthälfte ein, ihr Trainer Alex Brunner hat bereits Hütchen aufgestellt. Wer kommt, schnappt sich einen Ball und drippelt um die Markierungen. Auf der Westhälfte trainiert das Männerteam mit ihrem Trainer. Im Hintergrund hohe Bürohäuser und Gemeindebauten, Leuchtschriften am Horizont. Direkt hinter dem Platz führt die mehrspurige Adalbert-Stifter-Straße vorbei – urbanes Vorstadt-Feeling in Wien-Brigittenau.

Der Kunstrasenplatz gehört zum Nachwuchszentrum der Vienna, ist Anfang 2015 renoviert worden und laut Urs Blauensteiner, verletzungsbedingt in Pause, seither „Bombe“. Die Teams von Dynama und Dynamo Donau trainieren hier seit ca. zwei Jahren, bei jedem Wetter. In einem Container haben sie sich Platz für Materialien und Zusammenkünfte geschaffen. Wenn das Training in der Spielmanngasse doch einmal ausfällt, z.B. weil die Flutlichtanlage kaputt ist, gehen die Fußballerinnen eben in den Käfig. Der Traum bleibt aber ein eigener Platz, der gestaltet werden kann. „Wo man rein geht und alles was man sieht ist Dynamo und Dynama“, wünscht sich Niki Staritz (Mittelfeld).

Im Prinzip sind die Kickerinnen mit dem gemieteten Platz aber zufrieden. Das ist im Frauenfußball nicht selbstverständlich. Einen großen Pluspunkt allerdings hatte der alte Platz „in der Gruam“: Den sympathischen Platzwart, der das Team unterstützt hat, wo immer es ging. Mit dem Verleih von Handschuhen oder einem selbstgebastelten, absperrbaren Schrank für die Trainingsmaterialien. Ganz banale Sachen, die fehlen, wenn das Geld fehlt.

 „Yes, it’s fucking political“

Steffi David (Sturm), Ivana Popovic (Torfrau) und Jenny Engelbrechtsmüller (Mittelfeld), „das Trio“, wie sich die langjährigen Freundinnen nennen, kommen zweimal wöchentlich aus Favoriten und Ottakring in den 20. Bezirk, die „Gitti“, zum Training. Ein weiteres Mal pro Woche sind sie bei den Spielen auswärts oder am Heimplatz. Ihre Begeisterung ist spürbar, für Stimmung sorgen flotte Sprüche und Scherze. David und Popovic gingen schon gemeinsam in die Hauptschule, eine Ganztagsschule. Die tägliche Freistunde durften sie draußen auf den Sportanlagen verbringen. Schon damals hätten sie gerne Fußball gespielt. Die Antwort der Lehrkräfte auf ihre Forderung mitzuspielen: „Lasst die Burschen spielen“. Erst mit 22 Jahren konnten sich die drei ihren Wunsch schließlich erfüllen und sind seit eineinhalb Jahren fixe Größen im Dynama-Team. Knackig auf den Punkt bringt es Aurélie M. (Verteidigung): „Ich bin eine Frau, ich will Fußball spielen und ich spiele guten Fußball – alleine diese Tatsache ist bereits ein politisches Statement. Weil du Raum forderst, den die anderen dir nicht geben möchten.“

Dynama sonst kana!

Aurélie M. mag die doppelte Bedeutung des Dynama-Slogans „We love to kick balls“. Sie ist nur für ein Jahr in Wien. Im Zuge ihres Medizinstudiums in Nizza absolviert sie derzeit ein Forschungsjahr um auch zukünftig in der Wissenschaft tätig zu sein. Zu Dynama hat sie gefunden, weil sie Fußball spielen wollte, aber ohne Druck. Daher hat sie sich auf der Tabelle der Diözesan Sport Gemeinschaft (kurz DSG) das damals schlechteste Team ausgesucht: Dynama Donau. Das passte perfekt, geworden ist daraus eine große Liebe, beidseitig. Im Oktober 2015 hat sie mit Kolleginnen das „5-Jahre Dynama“-Geburtstagsfest ausgerichtet. Neben mehreren DJanes und zwei Bands wurden eine Ausstellung und eine Cocktailbar organisiert – im Flag, dem Clubheim der Freund_innen der Friedhofstribüne (Fanklub des Wiener Sportklubs).

Gegen Sexismus

„Wo immer du bist auf der Welt und du fühlst dich allein und einsam, du findest immer welche, die kicken. Und wenn du kicken kannst, dann hast du sofort Freund_innen“, sagt Urs Blauensteiner. „Beim Fußball kommen die Leut‘ zam“ ergänzt Barbara Kuen (Außenverteidigung). Da wird diskutiert. Zeitweise auch über die Dressen der Kickerinnen von Dynama Donau: Auf dem Rücken steht „GEGEN SEXISMUS!“. Das führt regelmäßig zu Verunsicherung vor allem unter Männern auf den Zuschauerbänken und an den Kantinentresen, womit der Slogan seinen Zweck bereits erfüllt. Dem anfänglichen Entzifferungsprozess gepaart mit Belustigungen wie: „Sex … hahaha … gegen … hihi … ismus … äh?!?“ folgt eine Phase des Unverständnisses und der Ratlosigkeit. Es war vom Team beabsichtigt, Denkprozesse auszulösen. Dennoch findet es Susu Dobner, ebenfalls Außenverteidigerin, „überraschend, wie viele sich provoziert fühlen und mit der Aussage nichts anfangen können“. Ina Haider (Sturm) erzählt auch von positiven Reaktionen. Spielerinnen anderer Teams freuen sich über die starke Positionierung am Feld.

Eine weitere Message wird demnächst auf ihren brandneuen Trainingsshirts zu finden sein: „Refugees welcome!“. Ebenso wie „We love to kick balls!“ oder „Smash Sexism“ findet sich das Statement auch auf weiteren Merchandise-Produkten.

Politisch und fußballerisch umtriebig

Neben der Teilnahme an Demonstrationen und der Organisation von Public Viewings gab es heuer einige Highlights im Dynama-Jahr. Zum Ersten die jährliche Teilnahme am Ute Bock Cup: Der Einladung der Freund_innen der Friedhofstribüne sind im Mai wieder unzählige Teams gefolgt. Heuer unter dem Motto: „Say It Loud, Say It Clear: Refugees Are Welcome Here!“ Alle Einnahmen kamen dem Verein Ute Bock und damit Flüchtlingen zugute. Weiters fand im Juni 2015 die 2. denationale queerfeministische FußBALLade statt, organisiert von den Ballerinas, einem Hobby-Frauen*Lesben*Inter*Trans*-Fußballteam aus Wien. Das Turnier fand ohne Leistungsgedanken statt, Trainer_innen waren explizit ausgeladen. Aufgrund der exzessiven Feier nach dem letzten Meisterschaftsspiel am Vorabend erschien Dynama dezimiert zum ersten Match, konnte dann aber doch als eines von acht Teams antreten.

Noch ein Highlight des Dynama-Jahres war die Mondiali Antirazzisti im Juli in Italien. Bei diesem internationalen Fußballfestival kamen 250 Teams zusammen. Das Gemeinsame der 8000 Sportler_innen: Die antirassistische Haltung und Spaß am Ballsport. Vier Tage wurde auf dem Areal Nahe Bologna gecampt und gefeiert.

Gründung

Dynama ist formal gesehen die Frauen Sektion des Vereins Dynamo/Dynama Donau und wurde 2010 gegründet. Die Männer hatten sich schon die längste Zeit ein Frauenteam im Verein gewünscht, wussten aber nicht, wie sie diese fußballverrückten Frauen finden sollten. Bis Niklas Doppermann und Muriel Holzer einen folgenschweren Pakt eingingen: Doppermann und die Burschen von Dynamo unterstützen die Frauen beim Aufbau eines Teams und Holzer „kümmerte sich“ um dieFrauen. Und alle hielten sich daran. Die Männer teilten ihren Platz, zeitweise ihren Trainer und die vorhandenen Strukturen. Und auch Holzer hielt sich an die Abmachung und veranstaltete ein erstes historisches Treffen von ca. zehn Frauen im Café Club International, womit die erste Generation an Dynamas zusammenfand.

Dancing like a butterfly, stitching like a Gelse

Über die Herkunft der Gelse am Logo sind sich die Spielerinnen von Dynama Donau übrigens nicht 100%ig einig. Einerseits war Anti-Gelsen-Mittel fixes Accessoire auf dem Weg in die „Gruam“, ihrem Trainingsort bis 2013. Andererseits bekomme ich auf meine Frage nach dem Logo die augenzwinkernde Antwort, die Kickerinnen wären so lästig wie Gelsen: Mit ihrer Forderung nach Raum und ihrem Engagement gegen alle Formen der Diskriminierung. Die dritte Variante in Anlehnung an Muhammad Ali gefällt mir am besten: „Dancing like a butterfly, stitching like a Gelse“. Dynama eben.

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INFO:
Dynama Donau
http://dynamadonau.at/
https://www.facebook.com/dynamo.donau
Kontakt: frauenfussballteam[at]gmail.com
Heimplatz: Vienna Nachwuchszentrum | Wien 20., Spielmanngasse 8

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Erschienen am 10. November 2015 in der Printausgabe der Sportzeitung und am 3. Dezember 2015 in der Printausgabe der Alternativzeitschrift MALMOE. Nachzulesen hier: http://www.malmoe.org/artikel/alltag/3098

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11.11.2015, diestandard.at | Support Your Local Heroines! - Mit den Kickerinnen der DORNBACH SOXS auf dem Mars

Mittwoch 21.00 Uhr, Sportplatz Marswiese, Flutlicht – es regnet... Nach dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechtes Schuhwerk“, treffen sich die Spielerinnen der Dornbach Soxs zum wöchentlichen Training auf der Marswiese.

von Katrin Oberhöller und Gregor Unfried

Der Trainingsplatz des Frauenfußball-Teams der Dornbach Soxs ist ein Kunstrasenplatz in Wien 17. Dieser ist von einem Käfig umzäunt und hat leider nicht einmal die Maße eines richtigen Kleinfeldplatzes. Die Spielerinnen würden gerne auf einem größeren Feld trainieren, um die einstudierten Spielzüge in einer wettkampfgetreuen Umgebung auszuprobieren. Einen eigenen Platz zum Bespielen ausfindig zu machen, ist aber in Wien schwer und vor allem teuer – schließlich müssen die Spielerinnen für die Platzmiete der Trainingseinheiten selbst aufkommen. Auf der Marswiese sind die Platzverhältnisse und -kosten im Verhältnis noch relativ gut. Eine bessere Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel würden sich die Spielerinnen wünschen, denn die Busverbindungen gehen nur halbstündlich. Die Marswiese ist im wahrsten Sinne „der Sportplatz im Grünen“. Die Sosx wissen sich aber zu helfen und kommen entweder umweltfreundlich und sportlich mit dem Fahrrad zum Training oder bilden Fahrgemeinschaften.

Trotz der verbesserungswürdigen Voraussetzungen wird das Training von den Trainierenden ernst genommen. Alle Spielerinnen zeigen vollen Einsatz, feuern sich gegenseitig an und motivieren sich, sodass die letzten Kräfte für das abschließende Trainingsmatch mobilisiert werden können. Gleichzeitig darf der Spaß nicht zu kurz kommen – es wird viel gelacht und gescherzt. Während des Matches am Ende des Trainings gibt der Trainer immer wieder konstruktive Anweisungen. Er fordert von seinen Kickerinnen viel Kommunikation am Platz und gibt Tipps um eine 1 gegen 1 Situation gut verteidigen zu können. Es ist offensichtlich, dass die anwesenden Frauen wissbegierig zuhören und bemüht sind, seine Tipps und Anweisungen auch gleich umzusetzen.

Vereinsgeschichte & strukturelle Voraussetzungen

Die Spielerinnengemeinschaft der Dornbach Soxs gibt es bereits seit 1994. Der Verein besteht aus der Männermannschaft und dem Frauenteam, wobei kaum Kontakt zwischen ihnen besteht. Auch mit der Vereinsorganisation bzw. den vereinsführenden Personen gibt es seitens der Frauen keinerlei (administrative) Verbindungen. Die Spielerinnen sehen sich als finanziell und strukturell eigenständig und haben einfach nur den Vereinsnamen übernommen „Stephan ist unser Trainer, Kassier und alles in einem“, geben die Spielerinnen an.

Trainer Stephan Vlcek betreut das Team ehrenamtlich – also ohne jegliche finanzielle Vergütung - seit 2002. Die Spielerinnen danken dem Trainer für seinen unermüdlichen Aufwand und Einsatz nicht nur mit Siegen, sondern versuchen auch immer mit kleineren Aufmerksamkeiten wie T-Shirts, einem Schitag o.Ä. ihre Wertschätzung für seine Tätigkeit auszudrücken.
Aber auch die sportlichen Erfolge der „Socken“ können sich sehen lassen. Vergangene Saison (2014/15) konnten die Frauen den Meisterinnentitel zum zweiten Mal in Folge nach Dornbach holen und auch die jährlichen Teilnahme am Ute Bock Cup („Ein Pflichttermin“) wurde 2015 mit dem Sieg des Frauencups prämiert.

„Das Team steht nicht nur am Platz, sondern auch so zusammen.“

Das Team selbst besteht aus etwa 10-12 Stammspielerinnen und dem Trainer. Immer wieder kommen auch ehemalige Kickerinnen und Gastspielerinnen zum Training und diese werden herzlich aufgenommen, denn „es fehlen immer mindestens zwei bis drei Spielerinnen“ aufgrund von Verletzungen, Arbeitsverpflichtungen oder zeitintensiven Studien aus, erläutert uns Spielerin Julia Siart und ergänzt: „Fußball ist halt für uns voll das Hobbyding.“

Der derzeitige Kern des Teams spielt seit etwa drei Saisonen zusammen. Viele der Spielerinnen sind über Freund_innen zum Team gekommen oder haben über bekannte Menschen von den Dornbach Soxs erfahren. Die Spielerinnen haben abseits des Rasens unterschiedlichste Hobbies und machen verschiedenste Ausbildungen, sodass sie sich – wie die Spielerinnen berichten – wahrscheinlich im Leben ohne den Sport eher nicht begegnet wären oder gar angefreundet hätten. Aber trotz der Unterschiedlichkeiten und diversen Interessen „funktioniert das Zusammenspiel beim Fußballspielen irgendwie sehr gut.“ (Spielerin Lisa-Marie Grabner).

Viele der Fußballerinnen haben früher Einzelsportarten ausgeübt und empfinden nun das Trainieren und Spielen im Team als großen persönlichen Gewinn. „Fußball ist ein cooler Mannschaftsport und das ist echt super. Ich war immer nur Einzelsportlerin und es ist was ganz anderes in einer Mannschaft zu spielen. Mann muss auch mal leise sein und für das Gemeinwohl den Mund halten“, fasst Spielerin Lisa Fröhlich zusammen.

Abseits des Spielfelds – und dies macht das Teamgefüge der Dornbach Soxs laut eigenen Angabe besonders und speziell – verstehen sich alle Kickerinnen sehr gut und haben über die Jahre enge Freundinnenschaften aufgebaut. So werden regelmäßig gemeinsame Aktivitäten unternommen, wie beispielsweise gemeinsame Schiwochen, selbstorganisierte Trainingslager, Konzertbesuche sowie Lauf- und Intervalltrainings. Gemeinsam ist allen Spielerinnen, dass sie eine ähnliche politische Einstellung haben, was sich darin zeigt, dass sie zusammen auf Demonstrationen gehen und sich an Hilfs- und Unterstützungsaktionen (derzeit starkes Engagement in der Flüchtlingshilfe) als Team beteiligen.

Freitag 20 Uhr, Sportplatz Marswiese, Flutlicht – es regnet schon wieder...
Freitag ist in der Liga der Diözesansportgemeinschaft (DSG) Wien für alle Teams Spieltag. Parallel finden zwei Spiele auf den nebeneinanderliegenden Kleinfeldern auf dem Kunstrasen der Marswiese statt. Diese Plätze gehören der Diözese Wien und können von den Fußballerinnen daher an Matchtagen ohne Platzgebühr bespielt werden.

Die DSG-Liga

DSG ist die Sportorganisation der Erzdiözese Wien. Die DSG Fußball-Liga wurde von der Katholischen Kirchengemeinschaft gegründet, um Menschen durch Sport die Möglichkeit zu bieten, „Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu erleben“ (DSG Wien) sowie Fairness und Miteinander in der Realität erlebbar zu machen, denn Sport ist ein wichtiger Teil des menschlichen Zusammenlebens. Auch wenn die Spielerinnen der Soxs keinerlei (religiöse) Verbindungen zu der Diözesangemeinschaft haben, mit den Werten Fairness und gutem Miteinander können sie sich identifizieren. „Wir sind für Menschlichkeit“, so drückt es Spielerin Theresa Wirth aus und spiegelt die Einstellung des Teams wider.

In der DSG Frauenfußball-Liga wird auf einem Kleinfeld gespielt. Das Regulativ besagt, dass pro Team jeweils 5 Feldspielerinnen und eine Torfrau auf dem Platz stehen müssen und Spielerinnen durch fliegenden Wechsel getauscht werden dürfen. Die Spielzeit beträgt 2x30 Minuten. Ein weiterer Unterschied zu den Großfeldregeln ist, dass die Spielerinnen auch blaue Karten (zeitlich begrenzter Spielausschluss) kassieren können, was bei den Kickerinnen der Soxs sehr selten vorkommt, da sie insgesamt wenig Fouls begehen und gleichzeitig auch wenig gefoult werden.

Die Fanbase

Am Spielfeldrand feuern die wenigen, aber dafür sehr engagierten Fans – die Dornbach Pyros – ihre Heldinnen lautstark an. Der selbstorganisierte Fanclub hat einen Banner mit der Aufschrift „Hate Fascism Love the Dornbach Soxs“ angefertigt und Stickers – „Support Your Local Heroines“ und „Dornbach Soxs against Sexism“ – produziert, die verteilt werden. Ferner werden alle Ergebnisse, sowie Matchfotos und sogar Videos auf der eigens eingerichteten Tumblr-Page der Soxs veröffentlicht. Die Spielerinnen selbst haben bisher kaum diskriminierende Erfahrungen erleben müssen und sehen die Slogans ihres Fanclubs daher eher als politisches Statement, das sie total unterstützen.

Während des Spiels an diesem Matchfreitag zeigen sich die Dornbacher Spielerinnen von ihrer besten Seite – kämpfen, beißen, sprinten, helfen sich gegenseitig, motivieren sich... Es fällt das 1:0 – alle freuen sich mit der Torschützin, die ihr Comeback feiert; 2:0 – Jubel; 3:0 – wunderschönes Tor. Das Spiel macht allen Spaß und schlussendlich fällt sogar das 4:0.

Nach dem Schlusspfiff wird noch die Welle für die Fans gemacht. Für alle anwesenden Spielerinnen und Zuschauer_innen hat sich der heutige Spieltag wieder ausgezahlt – trotz des Regens...

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INFO:
Dornbach Soxs
Homepage: http://vereine.fussballoesterreich.at/wien/DsgDornbachSox/
Fanpage Dornbach Pyros: dornbachpyros.tumblr.com
Kontakt: dornbach_sox[at]gmx.at
Heimplatz: Marswiese - Das Sportzentrum im Grünen | Wien 17.,  Neuwaldeggerstr. 57a

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Erschienen auf: die.standard.at am 11. November 2015
LINK: http://derstandard.at/2000025366936/Mit-den-Kickerinnen-der-Dornbach-Sox-auf-dem-Mars

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18.11.2015, diestandard.at | "Lasst euch nicht foulen, lasst euch nicht anspucken!" - Wienerfelds Juwulen

Beim SV Wienerfeld aus Favoriten würden manche aus den Teams des Wiener Nordens nie spielen. Dabei kommen dort sehr unterschiedliche Frauen zusammen. Davon können andere Fußballklubs nur träumen.

von Nancy Waldmann

Donnerstagabends beim SV Wienerfeld in Favoriten ist jetzt etwas anders. Die Frauen absolvieren das Training auf dem halben Großfeld, anstatt wie bisher auf dem Bolzplatz daneben. Drei Wienerfeld-Mannschaften müssen sich auf der Fritz-Hölbl-Anlage zwei Plätze teilen. „So trainieren wir wenigstens unter Spielbedingungen“, sagt der Trainer. Annähernd zumindest.

Hinten rechts im Flutlichtnebel stehen neun warm angezogene, hibbelige Mädchen eng wie in einem Schwarm zusammen, vielleicht gegen die Kälte, und ein älterer Herr, der den Fuß nachzieht, gibt Anweisungen mit den Händen. Sie üben Dreier-Kombinationen mit Torabschluss, Dreier-Schrittfolgen mit Umdrehen und Angriffe, die mit dem Lupfen des Balls über ein Hindernis beginnen, 30-50 Zentimeter hoch. „Wos wo´a des?“ Bis zum Spielfeldrand hört man die gelegentlich wegen ihrer Lautstärke gefürchtete Stimme des Trainers.

Der „heilige“ Rasen

Anwesend sind vor allem die Jüngeren. Manche sind krank, einige haben Spätschicht, arbeiten bei der Telekom oder im Supermarkt. Für sie ist die Trainingszeit um 18.45 Uhr nicht zu schaffen, wenn sie noch die Theke putzen müssten, berichtet Erich Wagner, der Trainer. Das spätere Training am Dienstag ist günstiger. Dann macht er auch die Spielanalysen. Noch das Abschlusspiel, vier gegen vier mit einer neutralen Torhüterin. Punkt acht ist das Training zu Ende. Die nächste Truppe steht schon am Rand.

Aussuchen können sich die Wienerfeld-Frauen die Trainingszeiten nicht. Sie sind nur eine von zehn Mannschaften ab U10 aufwärts und das einzige Frauen-Team des Vereins. Platzmangel ist ein Dauerproblem, wenn die Trainingspläne gemacht werden müssen. Der SV Wienerfeld ist lediglich Untermieter der Sportanlage, Hausherr der Verein Ankerbrot. Der Rasenplatz auf dem Gelände sei „heilig“, sagt man bei Wienerfeld spöttisch, Ankerbrot lässt sie da nicht rauf. Also Kunstrasen.

Seit dieser Saison spielen die Frauen in der Wiener Landesliga. Die „Kampfmannschaft“, wie es im Vereinsjargon heißt. Das B-Team spielt parallel in der 1. Klasse A. Das heißt jeden Samstag und Sonntag Spiele. Ein paar Spielerinnen treten an beiden Tagen an, je nach Kranken- und Verletzungsstand. „Das ist deswegen so, weil ich zu wenig Mädels für zwei und doch zu viele für eine Mannschaft habe. So kommen eben alle zum Spielen“, sagt Karin Leszkovits, 33, Kapitänin.

Die groß gewachsene Torjägerin mit dem Undercut ist eine Schlüsselfigur, will man das Team kennenlernen. Sie hat das Sagen. Fragen zur Mannschaft? Beantwortet Karin, erfährt man. Es sei denn, sie hat die Aufgabe delegiert. Leszkovits wurde einst ins Nationalteam einberufen, entschied sich aber gegen eine solche Fußballkarriere. Lieber managt sie ihr eigenes Team, organisiert Spiele und Turniere, besorgt Trikots. Auch im Vorstand sitzt sie. Es gibt Mitspielerinnen, die können sie sich als Trainerin vorstellen, aber Leszkovits selbst kann das nicht. Als Trainer ist man irgendwann „satt gegessen“, glaubt sie. Also bastelt sie in der Rolle der sportlichen Leiterin mit Trainer und Co-Trainer am Team.

Klassenfragen

Aus anderen Wiener Liga-Teams – sagen wir ruhig, dass es akademisch geprägte Vereine sind –  sagt man den Wienerfeld-Spielerinnen Ruppigkeit auf dem Platz nach: unnötige Fouls, verbale Attacken. Manchen ist Wienerfeld der Inbegriff einer Mannschaft, bei der sie niemals spielen würden. Leszkovits sagt dazu kurz: Nein, das käme auf den Gegner an. Daniela Nödel, 25, Mittelfeld, spielte lange bei der Konkurrenz und hat den Vergleich. Die Leute bei Wienerfeld findet sie „geschmeidiger“.

Was die Wienerfeld-Frauen auf jeden Fall ausmacht, ist eine Diversität, die sich viele Frauenteams nördlich von Favoriten nur wünschen können. Es sind Anfängerinnen und Quasi-Profis zwischen 14 und 36, Schülerinnen, Arbeitende, Mütter, Studierende, Kurz- und Langhaarige. Es gibt eine Bäckereiverkäuferin, eine Postzustellerin, Großhandel- und Magistratsangestellte, Erwerbslose und Leute, die Psychologie und Geographie studieren. Rund ein Fünftel hat Migrationsgeschichte mit kurdischen, deutschen, slowenischen, kroatischen und serbischen Wurzeln. „Wir sind so unterschiedlich, dass jede was von der anderen lernen kann“, sagt Leszkovits.

Sie haben einen Kümmerer, den 67-jährigen Trainer. Seit drei Jahren trainiert er die Wienerfeld Damen, wie es auf der Facebookseite des Teams steht. – Damen? Das Wort gefällt ihm nicht. „Damen sind ein Gewerbe. Ich sag: Frauenfußball.“ Er versteht sich nicht nur als Fußballstratege, sondern auch als Psychologe, ja als Pferdeflüsterer. Frauen seien schwierigere Spielertypen als Männer. „Mit Fingerspitzengefühl“ müsse man sie behandeln, hat er aus seiner 30-jährigen Trainerarbeit mit Frauen und Männern gelernt. Das meint er ernst. Wagner kennt die Familien der meisten Spielerinnen, ein paar kämen aus problematischen Elternhäusern. Mit ihnen redet er. Beim Tee in der Vereinskantine oder im Chat auf Facebook. Wagner schreibt auch manchmal Briefe an Schulen, um neue Mädchen für den Fußball zu interessieren.
Körperlich seien die meisten Frauen im Unterschied zu Männern viel belastbarer, behauptet er. „Wirklich, man kann ins Extrem gehen, in die Belastungsbereiche. Die geben nicht auf.“
Melancholisch und ehrgeizig sei ihr Trainer halt, sagt Patricia Brenner, 25, Verteidigerin.

Aydin Asuman, mit 36 die Teamälteste, ist Wagners treueste Spielerin. „Ich mag das Technische und Taktische an seinem Training“, sagt sie. Asuman hat einmal von einer professionellen Fußballkarriere geträumt. Aber als Jugendliche durfte sie der Einladung in die nationale Auswahl nicht folgen, die Eltern fanden einen Beruf für sie wichtiger. Wagner kennt sie seit sie klein ist, wenn möglich hat sie dort gespielt, wo er war.  Zwischenzeitlich hatte sie schon aufgehört mit dem Fußball. Seinetwegen kam sie nochmal zurück. Asuman hat gerade einen Sponsor für einen Trikotsatz für die Frauen aufgetan. Ein türkisches Restaurant, familiäre Verbindungen haben geholfen.

Zwei Bewerbe als Nachwuchsstrategie

Das Wienerfeld-Frauentem ging aus dem Klub „Juwelen Janecka“ hervor, ein reiner Frauenverein unter dem gleichen Obmann wie Wienerfeld, der sich vor drei Jahren die steigenden Platzmieten nicht mehr leisten konnte. Der Mannschaftskern um Leszkovits fand Unterschlupf beim SV Wienerfeld. Hier profitieren sie von vorhandener Infrastruktur und vom Umfeld. Patricia Brenner kam auch von „Janecka“ mit. „Wir hatten damals ein Nachwuchsteam, das war cool. Aber hier haben wir mehr Unterstützung, die Männer kommen und feuern uns an!“, sagt sie. Und dann erst die gemeinsamen Feste im „Böhmischen Prater“. Besonders das Oktoberfest muss ein Hit sein, gemessen am Augenzwinkern, mit dem es viele Spielerinnen bedeuten. Karaoke-Show im Dirndl ist dieses Jahr dort angesagt.

Auf die Damenmannschaft seien die Burschen im Verein besonders stolz, sagt ein Vorstandsmitglied bei einer Zigarette in der Vereinskantine am Platz. Und die Mädchen in den gemischten Nachwuchsteams seien motivierter als die Jungs, die wollten sich beweisen, sagt er. Es sind allerdings nur drei Mädchen, bei etwa 250 Burschen. Für eigene Mädchen-Nachwuchsteams fehlen die Ressourcen.

Das Spielen in zwei Bewerben ist eine Strategie, um die fehlenden Nachwuchsstrukturen auszugleichen. Das zweite Team ist teils „Unterbau für die Kampfmannschaft“, aber es bietet auch Spielerinnen eine Chance, die sonst auf der Bank oder Tribüne säßen. Oder die einfach noch nicht reif für die Landesliga sind.

Für Violeta Vasic, mit 14 eine der Jüngsten, ist das Samstagsspiel der 1. Klasse A gegen Alxingergasse die Chance, Liga-Luft mit den Großen zu schnuppern. Erst vor wenigen Wochen stieß sie ins Team, nun läuft sie im lila Trikot des B-Teams als Rechtsaußen auf. Eine ganze Halbzeit durfte Violeta diesmal spielen. Sie fand es okay. Naja, die Älteren hätten nicht so oft abgespielt, gibt sie zu. „Dann versuche ich mir den Ball eben zu holen“, sagt sie. Vor Wienerfeld hatte sie nur drei Monate bei einem anderen Verein gespielt. Aber hier sei „mehr Action“. Und sie wolle auch ein bisschen abnehmen, sagt sie.

Violeta kam durch Lisa, die Trainertochter, ins Team. Früher waren die beiden Freundinnen auf einer Schule, jetzt ist Lisa auf einer Sportschule und Violeta weiß schon, dass sie in zwei Jahren Elektronikerin lernen will. Die beiden kicken während der zweiten Halbzeit am Spielfeldrand. Lisa ist 13, darf also noch nicht Liga spielen, trainiert aber mit. Hier findet sie Fußball besser als an ihrer Schule. Da spielt sie als eins von zwei Mädchen im Jungsteam mit und muss sich dauernd anhören, dass dies kein Sport für sie sei. Eine Stadiondurchsage: 3:0 für Wienerfeld. Lisa jubelt. Ihre Schwester schoss das Tor, ihr zweites in diesem Match. Das ist der Endstand.

Ein zweifelhafter Ruf

Von Grobheit ist beim Match gegen Alxingergasse nichts zu spüren. Nur einmal droht der Schiedsrichter Wagner mit einem Platzverweis als der sich über einen nicht gepfiffenen Elfmeter aufregt. Auch das Spiel am Sonntag gegen Mönchhof, das die Kampfmannschaft unnötig mit 0:2 verliert, ist ein Spiel ohne gelbe und rote Karten. Anders sieht die Kartenbilanz bei den beiden nächsten Landesliga-Partien aus. Zwei Spielerinnen müssen mit gelbroten Karten vom Platz, eine wegen „Kritik“. Das Spiel drauf: drei gelbe Karten wegen „Unsportlichkeiten“.

Tja, was sollen sie dazu sagen? Sind Wienerfelderinnen Rüpel? Der Ruf habe etwas gelitten wegen häufiger roter Karten, gibt jemand zu. Ein, zwei Spielerinnen gäbe es schon, die nicht den Mund halten können oder sich auf dem Platz schnell provozieren lassen, sagen einige. Solches Verhalten beruhe auf Gegenseitigkeit. „Die anderen machen es vielleicht geschickter, dass es niemand hört.“ „Lasst euch nicht foulen, lasst euch nicht anspucken!“, sagt der Trainer seinen Schützlingen. Gegen unfaire Schiedsrichter-Entscheidungen müsse man sich wehren. Das ist Konsens im Team.

Das Spiel gegen Siemens Großfeld hat die Wienerfelder Kampfmannschaft auch mit neun Spielerinnen auf dem Platz mit 4:3 gewonnen. Obwohl sie vorher das Oktoberfest feierten. Oder vielleicht gerade deswegen.

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S.V. Wienerfeld
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Erschienen auf: die.standard.at am 18. November 2015
LINK: http://derstandard.at/2000025913030/Lasst-euch-nicht-foulen-lasst-euch-nicht-anspucken

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„Ich will nicht irgendwann der Depp sein“ | Karin Leszkovits vom SV WIENERFELD im Interview

Karin Leszkovits, 33, ist Stürmerin, sportliche Leiterin und manchmal auch Feuerwehrfrau der Frauen des SV Wienerfeld. Im Interview erklärt sie unter anderem, warum sie nicht Trainerin sein will.

Interview: Nancy Waldmann

Seit wann bist du beim SV Wienerfeld?

Karin Leszkovits: Seit drei Jahren. Damals haben Wienerfeld und der Frauenfußballverein „Juwelen Janecka“ fusioniert. Bei Janecka war ich seit 2005 dabei. Es war quasi die ausgelagerte Frauensektion von Wienerfeld unter dem gleichen Obmann. Aber irgendwann wurden die Platzmieten für Janecka zu teuer. So kam der Kern des damaligen Teams wieder bei Wienerfeld unter.

In deinem Team sind Spielerinnen von 14 bis 36. Ist es bei dem großen Altersunterschied schwierig alle unter einen Hut zu bringen?

Ja. Die Jüngeren können manchmal zickig sein. Wobei die Älteren natürlich mitunter dominanter sind. Aber das finde ich normal, dass die Jüngeren auf die Älteren hören sollen. Und wenn was verquer liegt, muss ich Feuerwehr spielen.

Wie greifst du ein bei Unstimmigkeiten im Team?

Indem ich sie darauf hinweise, dass private Konflikte untereinander nicht auf dem Fußballplatz gelöst werden können. Da müssen sie sportlich miteinander spielen können. Je nach dem, um was es geht, höre ich mir beide Seiten auch genauer an. Aber rein private Geschichten interessieren mich nicht, die sollten aus dem Verein herausgehalten werden.

Wie trefft ihr Entscheidungen, die euer Team betreffen?

Im Moment geht’s um Weihnachtsgeschenke für die Trainer und Vorstandsleute. Da gebe ich den Mädels vor, sie sollen sich bis zu einem bestimmten Datum Gedanken machen, was wir wem schenken könnten. Denn ich sammele am Ende das Geld ein und besorge es. Ich will das nicht vorgeben. Aber wenn keine oder kaum Vorschläge kommen, was meistens der Fall ist, dann schlage ich etwas vor. Dann sagen sie: ja. Und die Sache ist erledigt. Aber die Mädels beschenken mich auch. Einmal hab ich ein Leiberl bekommen, da stand drauf „SV Wienerfeld – Manager für alles“.

Wie habt ihr euren Trainer ausgesucht?

Damals vor drei Jahren haben wir uns mit dem Vorstand umgeschaut. Es sollte jemand sein, der zu uns passt und Wienerfeld kennt. Erich Wagner war früher schon Nachwuchstrainer bei Janecka. Und er ist ja auch der Vater zweier Spielerinnen. Er hat sich angeboten.

Findest Du es von Bedeutung, auch eine Trainerin zu haben, und damit ein weibliches Vorbild für die Spielerinnen?

Vor einem männlichen Trainer haben die meisten mehr Respekt. Ist jedenfalls meine Erfahrung. Ich hatte auch schon Trainerinnen, der Unterschied war eigentlich nicht groß. Und es gibt auch gute, zum Beispiel Irene Fuhrmann vom U19-Nationalteam. Ich kenne sie, weil ich mit ihr zusammen in der nationalen Auswahl gespielt habe. Aber trotzdem: ein Mann ist ein Mann. Er kann sich besser durchsetzen. Den Eindruck habe ich auch von meinen Mädels gewonnen.

Lernen die Frauen im Fußball immer noch von den Männern?

Ich glaube schon.

Könntest du dir vorstellen, Trainerin zu sein?

Nein. Der Trainerjob läuft irgendwann ab, ob nun nach zwei Monaten oder nach fünf Jahren. Als Trainer hast du nur so lange einen Status, wie es funktioniert. Und irgendwann bist du der Depp. Ich will nie der Depp sein, denn ich mag die Mädels. Ich weise sie auch in die Schranken, wenn irgendwas schief läuft. Aber ich will den Job noch länger machen und nicht nur bis die Trainerzeit vorbei ist.

Weil der Erfolg ausbleibt?

Der Erfolg ist nicht das Wichtigste, es muss halt passen. Ein Trainer ist irgendwann einmal satt gegessen von der Mannschaft. Ich würde vielleicht interimsmäßig Trainerin sein, aber nie auf Dauer.

Wie kann man mit Frustration umgehen, wenn man zum Beispiel ständig verliert?

Dann musst du was ändern, damit es eine Ermutigung gibt. Den Trainer wechseln oder etwas mit dem Trainer im Team verändern, mit den betroffenen Spielerinnen reden. Ich habe das selbst schon erlebt. Wir haben dann als Mannschaft versucht, den Spaß zu finden, das Training lockerer gestaltet. Und plötzlich schießt du ein Tor und noch eins und dann stellt sich die gleiche Situation wie in früheren Spielen positiv dar. Selbst habe ich auch mal eine Auszeit genommen, weil es nicht so lief, wie es sollte.

Wie ist das Zusammenleben mit den Männerteams im Verein Wienerfeld?

Am Anfang war eher jeder für sich. Aber seit wir Karaoke-Abende und Playback-Shows machen, wo der ganze Verein zusammenkommt, hat sich das Verhältnis zwischen der Männer- und der Damenmannschaft echt gut entwickelt. Die Mädels haben mit den Männern gemeinsame Show-Acts gemacht. Das funktioniert super. Die stehen hinter uns.

Warum habt ihr dann noch kein Nachwuchsteam für die Mädchen?


Weil ich mich nicht darum kümmern will, denn das nimmt viel Zeit in Anspruch. Außer mir gibt es da leider keine potentielle Person. Die jüngeren Mädchen trainieren bis 14 bei den Burschen mit, dann kommen sie zu uns.

In euren Nachwuchsteams sind nur drei Mädchen unter 250 Jungen. Du sitzt auch im Vorstand des SV Wienerfeld. Ist Mädchenförderung da ein Thema?

Nein. Wir haben schon viele Nachwuchsteams von der U9 bis zur Männer-Kampfmannschaft und uns Frauen. Da würden neue Trainingskosten dazukommen. Dafür reicht das Budget momentan nicht. Wir spielen mit unserer Mannschaft in zwei Bewerben, Landesliga und 1. Klasse A. So kommen alle zum Spielen.

Wie rekrutiert ihr neue Spielerinnen?

Hauptsächlich über Freunde und Mundpropaganda. Es ist extrem schwer, auf anderen Wegen Interessierte zu finden, sei es über Ausschreibungen im Internet oder Aushänge.

Warst du jemals mit diskriminierendem Verhalten oder dummen Sprüchen gegenüber Frauen konfrontiert?

Nein, ist mir noch nicht passiert.

In einem Interview auf mokant.at hattest du einmal gesagt, dass Outings von homosexuellen Spielerinnen von Profi-Vereinen aus wahrscheinlich nicht erlaubt seien. Wie meinst du das?


Das ist jetzt schon ein paar Jahre her. Grundsätzlich mag ich das nicht, wenn Leute so etwas heraus posaunen. Da stellt sich jemand in den Mittelpunkt mit etwas, das grundsätzlich normal sein sollte. Man sollte es aber auch nicht provokant verstecken.

Ist es so normal, dass im Fußball jede und jeder sein kann, wer er möchte?


Ja, ich denke schon. Jedenfalls in meiner Generation ist es normal, dass auch Männer mit Männern und Frauen mit Frauen zusammen sind.

Bringt ihr Spielerinnen zu den gemeinsamen Wienerfeld-Vereinsfesten, zum Beispiel zum Oktoberfest, eure Partnerinnen und Partner mit?

Zum Teil, jedenfalls sind da sowohl Partnerinnen als auch Partner da. Es kennen sich ohnehin alle.

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