Rote Karte für Homophobie im Fußball

Die im November 2014 erschienene Broschüre „Fußball für Vielfalt“, herausgegeben von der Initiative FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel, dem Österreichischen Fußball-Bund und der Österreichischen Fußball-Bundesliga, widmet sich umfassend dem Thema Homophobie im Fußball. Die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Intersex und Queers bzw. Questioning (LGBTIQ) ist im Fußball paradoxer Weise ebenso viel diskutiert wie tabuisiert.

10.01.2015 Von: Nikola Staritz/FairPlay-vidc

Cover Fußball für Vielfalt

A gay star – will s/he ever be born?

 

Viel diskutiert wird alle paar Jahre die Frage danach, wann sich endlich ein schwuler, männlicher Fußballprofi outen wird. Da wird dann zur „Jagd nach dem schwulen Super-Kicker“ geblasen, wie es der deutsche Sportjournalist Ronnie Blaschke einmal treffend formulierte. Im selben Zuge heißt es nämlich, dass das Coming-out von Robbie Rogers nicht zähle, weil Fußball in den USA ja nicht so populär sei wie in Europa; Thomas Hitzlsperger entspräche auch nur einem halben Treffer, da er sich doch erst nach Karriereende öffentlich als schwul geoutet habe. Und Nadine Angerer? Na, die ist ja eine weibliche Fußballerin, weswegen nichts anderes zu erwarten gewesen sei. Neben dem Mut zum Coming-out muss der medial gesuchte Fußball-Star also viele Bedingungen erfüllen, um als „erster schwuler Profikicker“ in die Geschichte einzugehen.

 

Tabuisiert bleiben die Strukturen und Hintergründe, warum der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Speziellen Orte sind, an denen sich Diskriminierungen wie Homophobie, Sexismus oder Rassismus so entladen können. Homophobe Gesänge und Sprüche über „schwule Pässe“; exklusive und sexistische Männerriten, die sowohl Frauen als auch all jene, die nicht einem klassischen (heterosexuellen) Männerbild entsprechen, ausschließen und diffamieren; Eltern, die es nicht gerne sehen, wenn ihre Töchter Fußball spielen weil sich das immer noch nicht gehört und eine (unbewusste) Angst besteht, die Kinder würden dort zu Lesben werden oder auch schlichtweg die Unsichtbarkeit von Lesben und Schwulen – die oft mit einer Nicht-Existenz verwechselt wird: all das gehört zum Fußball-Alltag.

 

Fußball versus Gesellschaft

 

Ist Homophobie also im Fußball besonders virulent? Ja und Nein. Neil, weil Fußball natürlich ein gesellschaftlicher Ort ist, wo Ungleichheitsverhältnisse nicht erfunden werden. Viele Probleme, die gerne dem Fußball zugeschrieben werden (Kommerzialisierung, Gewalt, Rassismus, unüberwindbare Klüfte zwischen reich und arm oder eben Homophobie) sind eigentlich Themen gesellschaftlicher Verhältnisse im Allgemeinen. „Der Sport ist genauso gut – oder schlecht – wie die Gesellschaft, in der er betrieben wird“, schreibt Gabriel Kuhn (UNRAST-Verlag 2014: 18). Dennoch ist der Fußball speziell: nichts ist so klassenübergreifend populär in Europa wie Fußball. Fußball ist Aktivität und Fankultur, prägt Sprache und Metaphern und hat nationale wie wirtschaftliche Implikationen. Aufgrund der massenhaften Partizipation und starken Identifikation vor allem junger Menschen kann Fußball auch als soziale Bewegung und Populärkultur gefasst werden, die auch in der Lage ist, eigenständig zu wirken und Werte und Normen zu stabilisieren bzw. zu hinterfragen. Homophobie kann im Fußball offener zur Schau gestellt werden als in anderen gesellschaftlichen Sphären, wo Diskriminierungen zwar nicht abgeschafft sind, aber offene Formen als nicht mehr ganz so schicklich gelten. Im Fußball ist das etwas anders, und ein Hauptgrund dafür sind unterhinterfragte und antiquierte Geschlechterstereotype. Diese werden sowohl auf dem Rasen als auch auf den Tribünen, in den Garderoben, in den Büros der Funktionäre und in den Redaktionen der Sportjournalist_innen zelebriert. Fußball gilt als hart, körperbetont, kämpferisch, kameradschaftlich; alles Eigenschaften, die mit Männlichkeit und Heterosexualität gleichgesetzt werden. Dass der „Frauensport“ Handball eigentlich viel brutaler ist, tut hier nichts zur Sache: schließlich ist Fußball genuin männlicher, auch wenn es dafür rational kein Argument gibt. Gesellschaftlichen Veränderungen wird in der „Arena der Männlichkeit“ mit Renitenz begegnet und damit eine gewisse anti-soziale Haltung eingenommen.

 

Warum? Womöglich weil gesellschaftliche Veränderungen als Gefahr begriffen werden – nicht ganz unberechtigt, schließlich zeigen (ökonomische) Krisen, wie prekär der soziale Status von Menschen ist. Kommerzialisierung, Teuerung, Repression und Bevormundung werden von Vielen als Ausdruck der gleichen – „negativen“ – Entwicklung des „modernen Fußballs“ gesehen wie die steigende Partizipation von Frauen im Stadion oder die Kritik am eigenen Verhalten. Und Homophobie und Sexismus sind voneinander nicht zu trennen: beide Diskriminierungen basieren auf klaren Vorstellungen von Männlichkeit und (untergeordneter) Weiblichkeit. Bis heute muss der Frauenfußball deshalb mit Abwertungen kämpfen: Frauen und Schwule haben gemeinsam, dass sie als „unmännlich“ und damit „fußball-untauglich“ gelten.

 

Fußball für Vielfalt

 

Darüber und über die vielen Erscheinungsformen von Homophobie im Fußball soll nun die Broschüre „Fußball für Vielfalt – Informationsbroschüre für Vereine, Fans, Spieler_innen, Trainer_innen und Funktionär_innen zur Prävention von Homophobie“ aufklären und Bewusstsein für Homophobie im österreichischen Fußball schaffen. Im Vordergrund stehen konkrete Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transgender. Denn Fußball kann eine wichtige soziale Rolle spielen und Menschen verschiedener Herkunft, Klasse, Religion, sexueller Orientierung und verschiedenen Geschlechts zusammenbringen. Neben den Herausgeber_innen kommen in der Informationsbroschüre auch Spieler_innen und Trainer_innen zu Wort, darunter der ÖFB-Teamspieler Christian Fuchs (FC Schalke 04), die ÖFB-Teamkapitänin Viktoria Schnaderbeck (FC Bayern München) sowie SCR Altach Trainer Damir Canadi (15. Dezember 2015).

 


„Fußball für Vielfalt – Informationsbroschüre für Vereine, Fans, Spieler_innen, Trainer_innen und Funktionär_innen zur Prävention von Homophobie“
Kostenlos zu bestellen bei ÖFB (office [AT] oefb [DOT] at) und FairPlay (fairplay [AT] vidc [DOT] org)

 


Weiterführende Literatur und Links

Kuhn, Gabriel (2014) Die Linke und der Sport. Unrast Verlag, Münster.

Kreisky, Eva; Spitaler, Georg (Hg_innen) (2006) Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht. Campus Verlag, Frankfurt/Main.

Staritz, Nikola (2013) „Sturm der Liebe – Homosexualität im Sport“. In: Stimme, Zeitschrift der Initiative Minderheiten, Nummer 88.

Walther-Ahrens, Tanja (2011) Seitenwechsel – Coming-out im Fußball. Gütersloher Verlagshaus, München.

Fußballfans gegen Homophobie

 


Nikola Staritz, Politikwissenschaftlerin. Seit 2011 Mitarbeiterin bei FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel am VIDC, der österreichischen Initiative gegen Diskriminierung im Sport. Redakteurin der Wiener Alternativ-Zeitschrift MALMOE, freie Journalistin und gelernte Bibliothekarin. Hobbymäßig kickend bei den Ballerinas und Dynama Donau.


Dateien:
Broschuere_Fussball-f-Vielfalt.pdf1.5 M