Geschichte der Fanarbeit in Österreich
Sozialarbeiterische Ansätze spielen in der aktuellen Fanarbeit in Österreich keine Rolle. Das war aber nicht immer so. Lange Zeit waren die Wiener Fansektoren auch Arbeitsbereich für Streetworker_innnen und Sozialarbeiter_innen. Erst im Laufe der 1990er Jahre kam es zu einer Abkehr von sozialpädagogischen Ansätzen hin zu einer Dominanzstellung der Exekutive und somit zu rein sicherheitspolitischen Herangehensweisen. Dieser Weg, weg von einer Sicht auf die Fanszene als jugendkulturelles Phänomen, das förder- und unterstützenswert ist, hin zur Einstufung der Fans als Sicherheitsproblem, das mit sicherheitspolizeilichen Mitteln befriedet werden muss, soll an dieser Stelle nachvollzogen werden. Eine Tendenz wird hier besonders deutlich: Weg von der Prävention hin zur Repression.
Streetwork mit Fußballfans
In Österreich treten Fußballfans erstmals im Zuge einer Gewaltdebatte ins Interesse der Medien, der Öffentlichkeit und der Sicherheitsorgane. Ende der 1970er Jahre sind es aber Sozialwissenschafter_innen, die auch die tieferliegenden, gesellschaftlichen Ursachen dieser Gewalt thematisieren und sich mit dem Phänomen Fußballfan als Lebensstil befassen. Streetworker_innen werden auf das Fußballstadion als Arbeitsfeld aufmerksam und engagieren sich. Zunächst nur mit der Absicht, die Lebenswelt und die Rituale der jugendkulturellen Fankultur zu erfahren und die Jugendlichen in ihren Bedürfnissen zu unterstützen.
Die damals neue Praxis des Streetwork wird in Österreich erstmals im Fußballfanumfeld eingesetzt. Die Idee, das erste Streetwork Projekt für Wien, und damit für Österreich, zu installieren, entstand in den Jahren 1978/79. Der Geschäftsführer des Vereins Rettet das Kind und damalige Leiter des Jugendamtes der Stadt Wien erkennt, dass mit den herkömmlichen Angeboten einige Jugendliche nicht erreichbar sind, und ruft das erste Streetwork Projekt Wiens ins Leben.
Es bilden sich zwei Teams heraus, die aus etwa zehn Leuten bestehen. Ein Team konzentriert sich bald auf Fußballfans. Die Motivation erfolgt aus persönlichem Interesse heraus: bei einem Auswärtsmatch in München treffen die frischgebackenen Sozialarbeiter_innen auf österreichische Fans, die das Fehlen von sozialpädagogischen Angeboten für Fans bemängeln. Die Idee wird aufgegriffen und umgesetzt. Das Betreuungsangebot beschränkt sich zunächst auf die Fans der beiden Wiener Großklubs Austria und Rapid. Das erste Jahr der Arbeit wird damit verbracht, die Fanszenen kennenzulernen, die Situation der Fans zu erfassen, Kontakte zu knüpfen und die Frage zu beantworten, wo und wie Fanarbeit sinnvoll eingesetzt werden kann.
Die Streetworker_innen besuchen jedes Match, Heimspiele wie Auswärtsspiele. Sie versuchen, in die Lebenswelt der Fans einzutauchen. Sie versuchen zu lernen, zu verstehen, was dort passiert, welche Strukturen, welche Codes dort vorhanden sind, welche Leute dorthin kommen und wo diese Menschen herkommen.
Die Arbeit erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Einmal ist da die Zusammenarbeit mit den Gruppen, die sich selbst gebildet hatten, den Fanklubs. Eine weitere Ebene ist die des Vereins selbst. Den Streetworker_innen wird schnell klar, dass eine Grundvoraussetzung für eine adäquate Fanarbeit das Erkennen des Wechselspiels zwischen Fans und Verein miteinschließt. Die Polizei ist schon damals ein wichtiger Faktor in der Fanbetreuung, mit dem Unterschied, dass diese damals nur einen Akteur unter vielen darstellt und nicht den Hauptakteur.
Sabine Etl, Streetworkerin der ersten Stunde, beschreibt, dass die Fans aus Sicht der Vereine damals nur als „Problemfälle, Gewalttäter und Störenfriede“ gesehen und auch so behandelt wurden. Der Tenor lautete: „DIE brauchen wir nicht, die wollen wir nicht haben, auf die können wir verzichten.“ DIE sind die Fans im Sektor, die kriminalisiert und weggewiesen werden. Den Streetworker_innen ging es schon damals um eine andere Sichtweise: „Klar war, dass wir immer sehr parteilich für die Anliegen der Fans eingetreten sind. Wir haben versucht, ihr Sprachrohr zu sein, ausgehend von ihrer Perspektive die Dinge zu betrachten. Aufmerksam zu machen auf eine bestimmte Dynamik, in die die Fans verstrickt werden oder sich verstricken lassen. Aber nie im Sinne von: Wir decken kriminelle oder destruktive Dinge. Wir waren jemand, der die Fans in den Blick nimmt, ausgehend von einem Bild: Das sind Jugendliche, die ein Recht haben auf eine bestimmte Jugendkultur, ein Recht haben, diese zu leben. Der Verein hat auch eine Verantwortung, da mit zu gestalten.“
Mobile Jugendarbeit
Mitte der 1980er Jahre werden einschneidende Veränderungen innerhalb der Fanszene sichtbar. Die identitätsstiftende Gruppenstruktur der Fanklubs löst sich immer mehr auf und tritt in den Hintergrund, ein Individualisierungsprozess der Jugendlichen im Fansektor geht damit einher. Dieser ist zunehmend durch Kleinstgruppen und Cliquen bestimmt. Damit ändern sich auch die Anforderungen an die Streetworker_innen. Durch die immer massiver werdende Observation in den Stadien und dem damit verbundenen Rückzug vieler Fans aus dem Heimstadion ändert sich auch ihr Arbeitsfeld. Sozialpädagogische Fanarbeit verlagert sich immer mehr in die Wohnviertel der Fans, wird zur Stadtteilarbeit.
Das Konzept der Mobilen Jugendarbeit trägt Anfang der 1990er Jahre zu diesem Paradigmenwechsel bei. Die sozialpädagogische Fußballfanarbeit der 1980er Jahre war szeneorientiert, das heißt, es wurde mit Szenen gearbeitet, die sich bereits zu einem bestimmten Anlass, dem Fußballspiel, formiert hatten. Die Mobile Jugendarbeit richtet sich an kleinere Orte, kleine Gemeinwesen, Stadtteile und versucht dort Jugendliche zu kontaktieren. Sie sieht sich als Ergänzung zu szeneorientierten Ansätzen wie dem Streetwork in den 1980er Jahren. Mobile Jugendarbeit ist im Lebensraum der Jugendlichen angesiedelt. Sabine Etl, die die Idee der Mobilen Jugendarbeit für Österreich konzipiert hat, drückt dies wie folgt aus: „Es reicht nicht, wenn wir Jugendliche erst dann kontaktieren, wenn sie schon zum ersten Mal Probleme mit der Polizei im Stadion haben. Wir müssen davor etwas tun.“
Sabine Etl warnt auch vor den Folgen, die eine Zerstörung der Fankultur mit sich bringt:
„Der Zerfall der Fußballsubkultur hat insbesondere für die heranwachsende Generation der jungen Fans negative Auswirkungen: Diese können, von Anfang an mit der polizeilichen Lösung fußballimmanenter Konflikte konfrontiert, kaum mehr geeignete Selbstregulierungsmechanismen entwickeln und in Ermangelung einer intakten Subkultur als Sozialisationsinstanz kaum mehr eine positive Identität als Fußballfans aufbauen. Die fehlende Bindung an eine Subkultur, die auch einen Integrations- und Ordnungsfaktor darstellt, führt bei manchen Jugendlichen mitunter zu einer ausschließlich negativen Identitätsbildung im Zuge der Auseinandersetzung mit der Polizei als Kampf- und Schlägertruppe.“
Fanarbeit heute
Im Jahr 2001 wurden alle Streetworkprojekte mit Fußballfans eingestellt. Mitarbeiter_innen von Streetwork Wien sind zwar nach wie vor in den Fansektoren beider Wiener Vereine unterwegs, um Beratung und Unterstützung für die Jugendlichen zu bieten, von einer umfassenden sozialpädagogischen Fußballfanarbeit kann aber nicht mehr die Rede sein. Für diese Entwicklung lassen sich einige Faktoren bestimmen, die im Folgenden näher erläutert werden sollen. Ebenso wichtig erscheint es, die Frage zu stellen, welche Möglichkeiten Fanarbeit unter den heutigen Bedingungen bietet.
Grundlegend ist festzuhalten, dass Grundzüge der alten Konzepte zwar übernommen werden können, dass aber davor gewarnt werden muss, Erkenntnisse und Anforderungen von damals auf die heutige Fanszene umzulegen. Grundlage der damaligen Konzepte ist die besondere Zusammensetzung und Ausprägung der Fanszene, die starken Veränderungen unterworfen war und ist. Auch die Bedeutung der Akteur_innen in diesem Feld bzw. deren Gewichtung, hat sich verändert. In den 1980er Jahren war Fanarbeit noch vornehmlich Aufgabe von Streetworker_innen und der Polizei. Im Laufe der 1990er Jahre vollzieht sich eine Entwicklung hin zu einer übermächtigen Stellung der Polizei, die sich bis heute erhalten hat. Sie ist heute in den wichtigsten Gremien der Bundesliga vertreten und entwirft dort die geltenden Fanbetreuungskonzepte wesentlich mit. In den letzten Jahren hat sie selbst die Rolle von präventiv tätigen „Fanbetreuer_innen“ eingenommen. Im Gegenzug dazu sind soziale Ansätze von Fanarbeit immer stärker verdrängt worden und 2001 fast gänzlich aus diesem Arbeitsfeld verschwunden.
Neue Rahmenbedingungen
Im Rahmen der Kommerzialisierung des Fußballsports wird eine funktionierende Fanbetreuung auch für die Vereine immer wesentlicher, will man die Fans in den „Event Fußball“ miteinbeziehen. Auch wenn hier die Kontrolle sanfter ausgeübt wird und teilweise auch die Interessen der Fans im Auge hat, dient sie doch letztendlich dem Zweck, das Spektakel Fußballmatch problemlos über die Bühne gehen zu lassen. Das Wechselspiel zwischen Polizei, Fans, dem Vereinsvorstand und der Bundesliga, die alle für spezifische und oft auch sehr unterschiedliche Interessen stehen, hat sich immer mehr der Doktrin der Sicherheit gebeugt. Besonders kritisch ist dabei die Entwicklung zu sehen, dass dieses Feld in den letzten Jahren fast ausschließlich der Polizei vorbehalten ist.
Will man heute Fanarbeit in größerem Rahmen wieder einsetzen, muss dem eine eingehende Studie über die aktuelle Fanszene vorangehen, die es ermöglicht, Besonderheiten, Problemfelder und Rahmenbedingungen, denen die Fans heute ausgesetzt sind, genau zu beleuchten. Aber auch das Wechselspiel zwischen den Akteur_innen (Verein, Polizei, Fans) sowie die vorherrschende Jugend- und Stadtpolitik muss mit einbezogen werden. Erst unter dieser Voraussetzung ist es möglich, ein adäquates Fanarbeitskonzept zu erstellen.
Augenscheinlich ist, dass das Thema Sicherheit gerade in den letzten Jahren immer stärker punktet und immer stärker als Argumentationshilfe verwendet wird. Darin ist auch eine große Gefahr für Fanarbeit zu sehen. Sie läuft unter diesen Voraussetzungen sehr stark Gefahr, sich für Sicherheitsfragen missbrauchen zu lassen. Dabei steht beim fanarbeiterischen Ansatz Gewaltprävention nicht im Vordergrund. Längerfristig kann und soll sich Fanarbeit daran messen lassen, dass Jugendliche durch sie gewaltfreie Konfliktlösungsmodelle erfahren, die kein strafrechtliches Delikt oder die Kriminalisierung von ganzen Gruppen zur Folge haben. Was aber klar sein muss, ist die Tatsache, dass dort, wo es um Gewaltbekämpfung auf repressive Art und Weise geht, die Polizei zuständig ist, und dort, wo es um Prävention, auch gegen Kriminalisierung von bestimmten Gruppen geht, Fanarbeit ihren Auftrag findet. Und zwar mit anderen Methoden und Konzepten, die sehr viel langfristiger angelegt sind.
Ein wesentliches Problem liegt vor allem im mangelnden Verständnis darin, was Fanarbeit ist und was sie leisten kann bzw. in ihrer Fehlinterpretation und Instrumentalisierung. So auch die Einschätzung von Sabine Etl: „Es gibt immer schon die Ansicht innerhalb der Polizei, dass sie auch so etwas wie Sozialarbeit machen könne. Das kommt daher, weil die meisten gar keine Ahnung haben, was Sozialarbeit wirklich ist und das Bild von sozialer Arbeit sehr diffus ist.“
Dazu kommt, dass die Polizei in den letzten Jahren eine Richtungsänderung vornimmt. Sie versucht, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verändern, wendet sich immer mehr präventiven Dingen zu. In diesem Bereich bietet sich die Fußballfanbetreuung geradezu an. Dass es mittlerweile ein eigenes Projekt gibt - Fanbetreuer der Polizei / Fankontaktbeamte - ist eine Erscheinung jüngerer Zeit. Der zugrunde liegende Gedanke ist der der Kontrolle: Lernen wir die Fans besser kennen, haben wir sie besser unter Kontrolle. Was die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit betrifft, hat sich das als sinnvolle Maßnahme für die Polizei bewährt. Zudem hat Sozialarbeit eine viel schwächere Lobby als die Polizei. Angesichts der politischen Diskussion der letzten Jahre, die stark in Richtung Repression geht, haben Konzepte zur professionellen Fanarbeit ein schwaches Standbein.
Fanarbeit darf nicht Gefahr laufen, sich als Alibi einer sanften Form von Ordnungspolitik instrumentalisieren zu lassen.
Neue Wege - Faninitiativen
Welche Möglichkeiten einer fanorientierten Arbeit im Fansektor bleiben also? In einem Feld, welches vornehmlich durch Repression geprägt ist, in dem ordnungspolitische Interessen, Interessen des Marktes, der Werbung und der Medien sehr stark verfolgt werden, in dem kaum noch Platz für die Bedürfnisse der Fans bleibt. Ein breiter Diskurs, der danach fragt, was die Fans wollen, welche Ideen und Strategien sie haben, wäre wünschenswert. Dort liegt ein großes Potential. FairPlay unterstützt daher auch Konzepte zur Ermöglichung von Fanläden, Faninitiativen und anderen Bereichen, die die Fans selbst gestalten können, wo sie ihre eigene Kultur auch leben und weiterentwickeln können. Hier können auch Fanarbeiter_innen beratend und begleitend eine Funktion übernehmen. Aber nicht um die Fans ihrer Selbstverantwortung zu berauben, sondern um diese zu unterstützen und zu stärken.
Fanprojekte
Eine weitere Chance sieht FairPlay in der Etablierung von Fanprojekten, wie sie etwa in Deutschland und der Schweiz längst zur Selbstverständlichkeit geworden sind oder wie in Polen gerade landesweit im Entstehen sind. Auch hier gilt, dass Konzepte nicht einfach aus dem benachbarten Ausland übernommen und den österreichischen Fanszenen übergestülpt werden dürfen, sondern dass diese speziell entwickelt und auf die jeweilige Fanszene zugeschnitten sein müssen. In einer mehrmonatigen Pilotphase soll in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Fans eine genaue Bedarfserhebung durch die Mitarbeiter_innen des Fanprojekts durchgeführt werden. Welche möglichen Maßnahmen und Angebote besonders hervorgehoben und in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt werden, ist konkret auf die Wünsche und Bedürfnisse der jeweiligen Fanszene abzustimmen.

