Gabriele Rechberger ist seit ihrem 10. Lebensjahr Fußballfan. Geboren und aufgewachsen in Salzburg, ist die Austria ihr Verein. Beruflich ist sie seit Jahren als Wirtschaftstrainerin tätig, d.h. sie arbeitet mit Menschen, die sich beruflich weiterentwickeln möchten oder mit Organisationen und Betrieben, die für ihre Mitarbeiter_innen eine höhere Qualifikation brauchen. Ein Teil ihrer Arbeit besteht aus der Aktivierung von wenig motivierten Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen bis 26 und deren Integration in den Arbeitsmarkt. Im Rahmen dieser Projekte können z.B. verschiedene Lehrabschlüsse bzw. Berufspraktikumszeiten nachgeholt werden. Die Entwicklung von Organisationen ist ebenfalls ein Teil ihrer Arbeit als selbständige Wirtschaftstrainerin. Gabriele hat in den Jahre 2007 und 2008 als Leiterin der Fanbotschaft Salzburg auch für FairPlay-VIDC gearbeitet und wird regelmäßig vom europäischen Fannetzwerk FSE als Expertin zu Workshops und Konferenzen eingeladen.
Erzähl bitte etwas über die Hintergründe und Entstehungsgeschichte von Fanarbeit in Salzburg.
Durch die Trennung von RB Salzburg im Jahr 2005 hatten wir (Austria Salzburg, Anm.) wenig Probleme mit verschiedenen Einzelpersonen. Die Wut und der Ärger über den „Rausschmiss“ hat so viele positive Kräfte bei den Fans mobilisiert, dass es in den ersten Jahren relativ ruhig, aber trotzdem stimmungsvoll am Platz zugegangen ist. Mit dem Erreichen der Landesliga hat sich unser Bild in der Öffentlichkeit etwas gewandelt und gleichzeitig sind vermehrt erlebnisorientierte Besucher bei Heim- und Auswärtsspielen erschienen.
Die ursprüngliche Grundidee ein Fanbetreuungsprojekt zu initiieren, ist 2008 an der Ablehnung bzw. mangelnder Unterstützung der Kurve gescheitert. Da Austria Salzburg ein Mitgliederverein und als solcher ein besonderer Umgang mit den „Inhabern“ des Vereins sinnvoll ist, war die ursprüngliche Konzept-Idee auf den Bereich Service & Kommunikation aufgebaut. Mit den Vorkommnissen der letzten Saison und hier vor allem in der Regionalliga West scheint nun ein breiter angelegtes Fanarbeitskonzept sinnvoll. Die Gespräche mit verschiedenen Einzelpersonen und den Verantwortlichen im Verein gehen in die Richtung, Fanservice und Fanarbeit klarer zu trennen.
Die Fanarbeit steht und fällt aber mit den Mitarbeiter_innen und hier ist in erster Linie Schulungs- und Ausbildungsbedarf abzudecken.
„Wenn ich weiß, worum es in der Fanarbeit geht, kann ich mitmachen oder auch nicht?“ Dieser Satz stammt von einem Mitglied der größten Fangruppierung, der Union Ultras, und zeigt, dass auch eingefleischte Fans Fanarbeit als Begriff kennen, aber keine konkreten Vorstellungen haben, was passieren kann, wie gearbeitet wird und vor allem wo die Ziele liegen.
Die Winterpause soll zum Auffüllen dieses Informationsdefizites genutzt werden. Hier sind Schulungen/Workshops gemeinsam mit dem Verein und den wichtigsten Fangruppen geplant.
Warum macht Fanarbeit bei Austria Salzburg Sinn?
Leider gab es immer wieder Vorfälle mit Gewalt, Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Alkoholexzessen und Drohungen gegenüber anderen Fans und dem Vorstand. Die Atmosphäre ist gut, so lange das Spiel läuft und Austria Salzburg 3 Punkte macht. Bei Spielen, die auf der Kippe stehen, schlägt die Stimmung extrem schnell um und Verhaltensweisen wie Becherwerfen, Pfiffe, Schmährufe usw. werden teilweise in Kombination mit hoher Gewaltbereitschaft und rassistisch-abwertenden Gesängen „aufgetunt“. In der Herbstsaison sind auch vermehrt Personen bei Fußballspielen aufgetaucht, deren klares Interesse die Gewalt und nicht das Fußballspiel war. Dem gilt es vernünftig gegenzusteuern und die kreativen Strömungen in der Kurve weiter zu stärken.
Wie sind die Fans eingebunden?
Hängt von deren Zustimmung und Zeiteinsatz ab. Das wird sich aber in den nächsten Wochen zeigen. Grundsätzlich ist es uns wichtig, keine Fan-“Betüddelung“ zu machen, sondern interessante Angebote (Vorträge über rechtliche Grundlagen z.B.) zu präsentieren.
Woher kommt die Finanzierung und wer unterstützt das Projekt?
Die Infrastruktur kommt vom Vorstand, Mitarbeit und Know-How von verschiedenen Fanclubs und Einzelpersonen. Mitarbeiter_innen der Uni (Sportwissenschaft, Soziologie, Psychologie) unterstützen zusätzlich durch die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung und durch Trainingsangebote.
Welche Arbeitsschwerpunkte und Ziele hast du dir gesetzt?
Mein persönliches Ziel ist, die Austria samt Fans als Salzburger Fußballklub zu positionieren und nicht als „raudiaktive“ Schlägertruppe. Details werden erst in den nächsten Besprechungen diskutiert und ausgearbeitet.
In zweiter Linie wollen wir allgemeine Akzeptenz für alle Fans, die sich gewaltfrei, kreativ und mit Begeisterung für die Austria engagieren, und ein Ende der gegenseitigen Ausgrenzung erreichen.
Welche Unterstützung bräuchtest du, um mit Fanarbeit bei Austria Salzburg richtig durchstarten zu können?
1. Unterstützung durch die Union Ultras – sowohl durch Zustimmung/Akzeptanz und durch Mitarbeit von Personen
2. Geld für externe Trainer (z.B. Gewaltprävention) und Informationsmaterial
3. Ein klares Bekenntnis der zuständigen Politiker/Verwaltung, dass Gewalt und Hass am Fußballplatz sichtbar wird, aber nicht dort entsteht, sondern das Ergebnis der Gesellschaft ist, in der wir leben (Jugendarbeitslosigkeit, Ausgrenzung, Demütigung, Abwertung der einzelnen, Verherrlichung von Gewalt). Am Fußballplatz können Jugendliche erreicht werden, aber die Ursachen liegen nun mal ganz wo anders.
4. Räume und Infrastruktur für verschiedene Veranstaltungen – z.B. eine Art Kooperation mit dem Wifi oder dem BFI oder der Universität
5. Zu einem späteren Zeitpunkt eine Teilzeitarbeitsstelle als Ansprechperson für junge Fans sowie vier bis fünf freiwillige Mitarbeiter_innen
6. Die Absegnung durch den Vorstand von Austria Salzburg
Alles andere wird sich im Lauf der Zeit finden. Wir haben den Weg durch 5 Ligen geschafft, die nächste Herausforderung ist die Einbeziehung möglichst vieler Fangruppen und Einzelpersonen.

